Uwe Rada : Kostbare Fracht

Uwe Radas Buch über die Oder stößt auch auf Verbindendes – wie Kloster Leubus, wo die Piasten 1163 Zisterzienser aus dem thüringischen Pforta ansiedelten, oder eine Flussfahrt von Frankfurter und Breslauer Studenten im Sommer von Polens Schengenbeitritt 2007.

Robert Schröpfer

Was man von einem Grenzfluss wie der Oder zu halten hatte, war in Europa lange Zeit eine Frage der Perspektive. Schuf Friedrich der Große aus deutscher Sicht erstmals einen zusammenhängenden Flussraum, verbinden sich für Polen mit seinem Namen die Teilungen des Landes. Im 19. Jahrhundert blieb eine Mythenbildung wie beim Rhein zwar aus. Dennoch wurde die Oder zum germanischen oder eben slawischen Strom stilisiert, so wie es dann auch die Vertriebenenfunktionäre und der polnische Staat nach dem Zweiten Weltkrieg taten. In Deutschland wandten sich zu dieser Zeit jedoch die meisten Menschen von der Oder ab. Zumal DDR-Bürger die Oder-Neiße-„Friedensgrenze“ lange nicht einmal überschreiten durften.

„Ist der ,Geist der Oder’ also der einer fortgesetzten Zerrissenheit?“, fragt der Journalist Uwe Rada in seinem Buch „Die Oder – Lebenslauf eines Flusses“, das weder ein Reisebericht noch eine Flusschronik ist. Vielmehr sind Uwe Rada Orte und Begegnungen Anlass für Reflexionen über Geschichte und Gegenwart der Schifffahrt, der Hochschulen und überhaupt der deutsch-polnischen Beziehungen. Rada stößt dabei auch auf Verbindendes – wie Kloster Leubus, wo die Piasten 1163 Zisterzienser aus dem thüringischen Pforta ansiedelten, oder eine Flussfahrt von Frankfurter und Breslauer Studenten im Sommer von Polens Schengenbeitritt 2007. Eines der schönsten Kapitel behandelt die Oder als literarischen Ort. Es führt nicht nur von der schlesischen Dichterschule bis zum Wasserpolnisch der Oderschiffer. Uwe Rada konstatiert auch einen Wandel in den Schreibweisen beiderseits des Flusses von einer Grenz- hin zu einer Grenzlandliteratur.

Statt scharfer Trennlinien betont diese Literatur Räume des Übergangs wie Henryk Bareskas Gedicht „Der Fährmann“: „Dichter, polnische, deutsche,/ zogen am Fluss entlang,/ davon träumend, Fährmann zu sein –/ Lange Zeit ein vergeblicher Traum.// Ich wurde Fährmann,/ übertrug kostbare Fracht –/ polnische Dichtung –/ ins Deutsche,/ in die Buchstabenwelt.“ Uwe Rada, der keinen Zweifel lässt, dass die Zukunft der Oder nur in Europa liegt, ist mit seinem klugen, belesenen, nie schönfärberischen Buch selbst ein Beitrag zu dieser Oderliteratur gelungen.Robert Schröpfer

Uwe Rada: Die Oder – Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag, München 2009. 224 S., 16,95 €

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben