Verbrecher-Jagd : Hang zum Übergewicht

Kolja Mensing wundert sich über den Boom der Skandinavien-Krimis

Kolja Mensing

Skandinavische Kriminalromane haben weiterhin Konjunktur. In ein paar Tagen erscheint zum Beispiel „der neue Håkan Nesser“ unter dem Titel „Mensch ohne Hund“ (aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt, btb, München 2007, 541 S., 19,95 €). Nach Abschluss der Reihe um Kommissar van Veeteren tritt nun ein schwedischer Polizist namens Gunnar Barbarotti als Ermittler auf. Haben wir darauf gewartet? Gerne wollen wir glauben, dass der Roman in Schweden „monatelang auf der Bestsellerliste“ stand. Die Geschichte um eine zerstrittene Familie und das „rätselhafte“ Verschwinden zweier Menschen in der Weihnachtszeit ist trotzdem etwas schlicht. Sex, Eifersucht, Mord. Eindrucksvoll ist allein der Umfang. Es sind 541 Seiten, und die braucht Nesser auch. Jede einzelne Figur ist mit einem betont originellen Hintergrund ausgestattet, und Inspektor Barbarotti ist „nach fünfzehn Jahren Ehe“ natürlich unglücklich geschieden und leidet an den „üblichen Abenddepressionen“. Und dann ist da noch sein so gar nicht schwedischer Nachname...

Auch Jo Nesbø, „der erfolgreichste Kriminalautor Norwegens“, legt nach. Mit „Der Erlöser“ liefert er einen neuen Thriller mit seinem bewährten Kommissar Harry Hole (aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob, Ullstein, Berlin 2007, 507 S., 19,90 €). Über die Geschichte eines kroatischen Auftragskillers, der seine Opfer ausgerechnet unter den Angehörigen der Osloer Heilsarmee sucht, könnte man hinwegsehen. Anstrengend sind hier ebenfalls die zermürbend detaillierten Charakterstudien der Protagonisten (inklusive des angemessen kriegstraumatisierten Mörders), mit denen Nesbø eine Hand voll Einfälle zu einem Roman im Supersize-Format aufgefettet hat. Gute 500 Seiten hat „Der Erlöser“. Gefühlter BMI (Book-Mass-Index): deutlich über 40.

Und jetzt die gute Nachricht. Frei von diesem Hang zum Übergewicht sind die Krimis des amerikanischen Schriftstellers Walter Mosley. Gerade erst ist „Little Scarlet“ erschienen, ein neuer Band mit dem schwarzen Privatdetektiv Easy Rawlins (aus dem Amerikanischen von Uda Strätling, S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, 303 S., 9,95 €). Im August 1965 patrouillieren in Watts Nationalgardisten zwischen brennenden Häusern. Im Schwarzenviertel von Los Angeles hat sich „eine seit Jahrhunderten schwelende Wut entladen“. Die Fronten sind verhärtet. Trotzdem bittet das LAPD ausgerechnet den „Nigger“ Easy Rawlins um einen Gefallen: „Es gibt da einen heiklen Fall.“

Eine junge Schwarze ist in ihrer Wohnung ermordet worden, möglicherweise von einem Weißen, und die Polizei befürchtet, dass eine offizielle Untersuchung zu neuen Unruhen führen könnte. Rawlins ahnt, dass es um „Politik“ und nicht um „Gerechtigkeit“ geht. Trotzdem sagt er zu. Das Schreiben des Deputy Chiefs, das ihn zum „privaten Ermittler des Los Angeles Police Department“ macht, setzt er zunächst einmal ein, um einen Freund mit einem Lastwagen voll Hehlerware durch eine Polizeisperre zu schleusen. Bei der Suche nach dem Mörder hätte es ihm ohnehin nichts genutzt: In seinem Viertel hält man nicht viel von Brüdern, die Spitzeldienste für „weiße Motherfucker“ erledigen.

„Little Scarlet“ ist ein konzentrierter und eleganter Sixties-Thriller. In kurzen Absätzen führt Mosley, der damals selbst in Watts aufgewachsen ist, seine „neighborhood“ mit ihren liebevoll heruntergewirtschafteten Bars und halblegalen Autowerkstätten vor – und treibt die Handlung trotzdem erbarmungslos voran, bis Easy Rawlins schließlich in einer der angeblich 100-prozentig weißen Middle-Class-Wohnsiedlungen von L.A. auf eine Frau mit auffällig dunklem Teint stößt. Offenbar werden im Schatten der sogenannten Rassenunruhen alte Rechnungen beglichen.

Bleibt noch der Hinweis auf einen weiteren neuen Titel von Mosley. „Rache an Johnny Fry“ ist laut Verlag ein „eleganter und psychologisch raffinierter Spannungsroman“. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um einen waschechten Porno, ziemlich hartes Zeug, garantiert nicht jugendfrei. Das Buch ist richtig gut geschrieben, wie alles von Walter Mosley. Nur ist es eben leider kein Fall für diese Kolumne.

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