Verbrecher JAGD : Tough wie in Texas

Kolja Mensing entdeckt, wie man mit dem Staubsauger auf Kojoten losgeht

Kolja Mensing

Das hier ist Gladewater, Texas, im Jahre 1972. Joe R. Lansdale ist gerade mit der Schule fertig, als seine Mutter ihn überredet, gemeinsam mit ihr einen Artikel über „Gartenarbeit als Therapie“ zu schreiben. Buschwerk abfackeln, Unkraut vergiften, was man in Texas eben so macht, um nicht allzu schlecht draufzukommen. Das renommierte „Farm Journal“ druckt den Text, und Mutter und Sohn gewinnen den Preis für den populärsten Beitrag des Jahres. Den Scheck über 20 Dollar teilen sie sich.

Lansdale ist damals 22. Er beschließt, sein Geld mit Schreiben zu verdienen. Er arbeitet als freier Journalist und veröffentlicht ein paar Kurzgeschichten. 1980 hat er mit „Act of Love“ seinen ersten Roman draußen, eine Serienkiller-und-Slasher-Geschichte, die hart an der Schmerzgrenze ist.

Lansdale wird zum Star der amerikanischen Undergroundszene. Er schreibt Horrorromane, in denen ägyptische Mumien Elvis und John F. Kennedy die Seele rauben, Science-Fiction-Stories, Western und immer wieder Krimis. Deutsche Übersetzungen erscheinen nur sporadisch. Rowohlt und Dumont nehmen in den Neunzigern wahllos ein paar Taschenbücher ins Programm, und pulp master verlegt endlich auch Lansdales legendäres Debüt – zusammen mit dem Thriller „Drive In“, in dem ein paar Biker sich in einem Autokino gegenseitig abmetzeln. Nichts für das „Farm Journal“.

Heute ist der ungeschlagene „champion of mojo storytelling“ in Deutschland beim Shayol Verlag zu Hause, einem im besten Sinne unabhängigen Non-Profit-Unternehmen mit Sitz in Berlin. Hier findet sich neben einer breiten Auswahl deutscher Science Fiction und der dazugehörigen Sekundärliteratur auch eine Reihe namens „funny crimes“. Zwei Lansdales sind darin bereits erschienen: im letzten Jahr „Wilder Winter“ (Aus dem Amerikanischen von Richard Betzenbichler und Katrin Mrugalla, 189 S., 12,90 €) und jetzt „Rumble Tumble“ (Aus dem Amerikanischen von Richard Betzenbichler. 224 Seiten, 12,90 €).

Beide Romane gehören zu den „Hap-and-Leonard-mysteries“, Lansdales erfolgreicher Serie um ein bemerkenswert unterschiedliches Freundespaar: Hap Collins ist weiß, hetero und Kriegsdienstverweigerer, sein Kumpel Leonard dagegen schwarz, schwul und Vietnamveteran. Die beiden haben ein echtes Faible für halb legale Unternehmungen mit katastrophalem Ausgang. In „Wilder Winter“ zum Beispiel lassen sie sich von Haps Ex-Frau überreden, die Beute eines missglückten Banküberfalls zu suchen und handeln sich dabei jede Menge Ärger und einige wirklich üble Schussverletzungen ein.

In „Rumble Tumble“ erklären sie sich aus lauter Gutmütigkeit bereit, einer Freundin zu helfen, ihre Tochter aufzuspüren. Die Tochter heißt Tillie, ist noch keine achtzehn und schwer auf Drogen. Zuletzt wurde sie in einem abgewrackten Bordell gesichtet. Der Pazifist Hap will die Angelegenheit friedlich regeln, aber Leonard besteht darauf, ein paar unregistrierte Waffen in den Kofferraum ihres schrottreifen Chevy Novas zu packen: „Wir machen’s auf die lockere Tour, wenn’s locker geht. Aber wenn wir es auf die grobe durchziehen müssen, dann sollten wir vorbereitet sein.“ Es wird die grobe Tour. Tillie ist von ihrem Zuhälter an eine Bande von Nazi-Rockern „ausgeliehen“ worden, und am Ende einer ohnehin schon ziemlich blutigen Reise quer durch die „öde, graue und hässliche Landschaft“ von Texas und Oklahoma wartet auf Hap und Leonard ein echter Tarantino-meets-Peckinpah-Showdown.

Schön, dass die beiden zwischendurch Zeit für Gespräche über die „Country Musik der Ray-Acuff-Ära“ finden und auch einmal ausführlich darüber reden können, wie oft ein Mann seine Unterwäsche wechseln sollte: Egal ob es um wüste Schießereien oder „buddy talk“ geht, Joe R. Lansdale reißt in „Rumble Tumble“ alle Regler bis zum Anschlag auf. Und wenn er Hap und Leonard auf einen Priester und Teilzeit-Landwirt treffen lässt, der mit einem umfunktionierten Riesenstaubsauger Kojoten aus ihren Erdlöchern saugt, dann dürfte sogar für die Stammleserschaft des „Farm Journal“ etwas dabei sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar