Zeit SCHRIFTEN : Das Wahre, Schöne, Digitale

Gregor Dotzauer über Variationen von literarischen Klassikern im Netz

Gregor Dotzauer

In den entlegenen Tiefen des 20. Jahrhunderts, in denen das World Wide Web zu wuchern begann, versteckt sich ein ganzes Arsenal von Begriffen, die ihre Magie eingebüßt haben. Wie lächerlich, heute noch vom Cyberspace zu schwärmen: Die künstliche Welt, für die es steht, und die Wirklichkeit, der es gegenüber tritt, durchdringen einander in einem Maße, das die Erfahrung von Virtualität und Realität auf den Kopf stellen kann. Und wie antiquiert, ausgerechnet der ernsthaften Literatur eine Zukunft in Gestalt von Hypertext und Hyperfiction zu prophezeien: Die vielfältigen Anläufe, das Projekt eines postmodernen, alle dramaturgischen Hierarchien in unendliche Verweisketten auflösenden Erzählens technisch zu vollenden, sind mehr oder weniger verendet. Wo noch vor wenigen Jahren Heerscharen von digitalen Freizeitautoren ihr Glück versuchten, ist eine literaturwissenschaftliche Ausgrabungsstätte entstanden.

Roberto Simanowskis „Text + Kritik“-Heft über „Digitale Literatur“ ist zwar gerade mal sieben Jahre alt, sein lesenswertes Buch „Interfictions“ in der Edition Suhrkamp sechs. Doch man muss schon Simanowskis jährliches Internetjournal www.dichtung-digital.com verfolgen, um sich von der ins Multimediale abgewanderten Lebendigkeit eines Bereichs zu überzeugen, der weiterhin genuine Netzliteratur gegen eine bloße Literatur im Netz zu profilieren versucht. Sonst stolpert man schnell über tote Links und inaktuelle Websites.

Das „Ende der Bücher“, das der Amerikaner Robert Coover, ein Heroe des postmodernen Romans und gewiss kein naiver Techno-Apologet, heraufziehen sah, wird, wenn es sich denn bewahrheitet, jedenfalls andere Formen haben, als Coover sie beschwor. „Heißt das, dass die Literatur im Web stirbt? Im Gegenteil“, verkündete er Anfang der neunziger Jahre. „Der neue literarische Mainstream wird hier gemeißelt. Sollte ich mich irren, dann driftet die Literatur selbst noch weiter in totes Gewässer ab. Es kommt eine neue Generation von Lesern auf, ein Publikum, das von der Grundschule an darin trainiert ist, in dieser neuen Weise zu lesen und zu schreiben – und insbesondere zu denken –, und dies wird das Publikum sein, das Schriftsteller zu erreichen suchen werden, wenn sie überhaupt jemanden erreichen wollen.“

Das alles ist einen historischen Wimpernschlag entfernt. Geblieben ist davon nur die Frage, wie man ein zusehends zerstreutes Publikum erreicht. Wer leidenschaftlich liest, liest Texte in allen Formen. Wer nicht liest, lässt sich dazu auch durch das Netz kaum verleiten. Dennoch bleibt einem gar nichts anderes übrig, als beim Publikum der Computerspiele hausieren zu gehen. Die neuen Zauberwörter heißen nicht umsonst ARG (Alternate Reality Games) oder Chaotic Fiction – Begriffe, die auf Websites wie www.unfiction.com oder www.gamasutra.com verhandelt werdem. Für „We Tell Stories“ (www.wetellstories.co.uk) haben sich Penguin Books und die Spieledesigner Sixtostart zusammengetan und sind mit ihrem digitalen Literaturprojekt zugleich ins 21. Jahrhunderte vorgedrungen – und ein Stück ins 19. zurückgefallen.

„Six Authors. Six Stories. Six Weeks“, lautet das Motto Noch bis Ende April interpretieren sechs renommierte Autoren im Wochenturnus Penguin Classics. Charles Cumming hat John Buchans Thriller „Die 39 Stufen“ bereits in „21 Steps“ verwandelt und lässt seinen Protagonisten mit Hilfe von GoogleEarth durch London rasen. Toby Litt ist dabei, M.R. James’ Geistergeschichten „The Haunted Doll’s House“ mit Rollenprosablogs und Twitter-Nachrichten ein neues Gesicht zu geben - mit der Möglichkeit, den Figuren Mails zu schreiben und so die Geschichte zu beinflussen.

Es folgen das Autorenpaar Nicci French mit einer Variation von Zolas „Thérèse Raquin“ und Kevin Brooks mit Andersens Märchen. Matt Mason nimmt sich Charles Dickens’ Roman „Harte Zeiten“ an, und Mohsin Hamid der Märchen aus 1001 Nacht. Das Bisherige verfährt hübsch chronologisch, zaghaft interaktiv - und mit der Neigung, sich auf etablierte Netzmarken wie Google, Twitter oder Livejournal zu verlassen. Das ist ärgerlich und tröstlich zugleich: Über die großen Namen – gerade der Autoren – gelangt man eben nicht so einfach hinaus.

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