Neues Buch von Raoul Schrott : Orakel des Atheismus

Der österreichische Dichter Raoul Schrott hat mit „Die Kunst an nichts zu glauben“ sein bisher persönlichstes Buch geschrieben.

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Der österreichische Schriftsteller Raoul Schrott. Foto: Peter-Andreas Hassiepen/Hanser Verlag
Der österreichische Schriftsteller Raoul Schrott.Foto: Peter-Andreas Hassiepen/Hanser Verlag

Ketzerei gehörte immer schon zu seinen Passionen. Bereits auf seinen Expeditionen in die antike Frühgeschichte der Poesie hat Raoul Schrott, der interkontinentale Sprachweltreisende aus Tirol, mit seinen kühnen Thesen die literarische Welt in Aufregung versetzt. Zuletzt stellte er 2007 mit seiner Neuübersetzung von Homers „Ilias“ die Altertumswissenschaften auf den Kopf. Homer, das Dichtergenie, wird bei Schrott zum griechischen Schreiber im assyrischen Staatsdienst.

In seinem jüngsten Opus, einer mit existenzphilosophischen Sentenzen angereicherten Gedichtsammlung, unternimmt er nun einen Ausflug in die Frühzeit des philosophischen Atheismus. Die Stichwortgeber seiner „Kunst an nichts zu glauben“ sind zwei Pioniere atheistischen Denkens an der Grenze vom Mittelalter zur Neuzeit. Matthias Knudzen und Geoffroy Vallée, zwei historisch verbürgte Freidenker, von denen der eine 1574 auf dem Scheiterhaufen verbrannt, der andere von den herrschenden Ordnungsmächten lebenslang verfolgt wurde, liefern Schrott das Material für eine eigene große Bekenntnisschrift.

Auf Vallées Schrift „De Arte Nihil Credendi“ basiert das ominöse „Manual der transitorischen Existenz“, das in Schrotts Gedichtbuch ausgiebig zitiert wird. Das „Manual“, so die Behauptung des Vorworts, hat der Autor angeblich in der Biblioteca Classense in Ravenna entdeckt. Dass es sich dabei um eine Erfindung handelt, wie Schrott bei der Buchpremiere auf dem Erlanger Poetenfest gleich einräumte, mindert den Reiz des „Manuals“ nicht im Geringsten.

Die aus einer agnostischen Perspektive verfassten Notate des „Manuals“ fungieren als kühle „Confessiones“ des Dichters, sie bilden eine Tonspur negativer Theologie, die zur Grundmelodie für Schrotts Porträt-Gedichte wird. Sie wiederum sind als Lebensbilanzen unterschiedlichster Figuren angelegt: „Ein Straßenbauarbeiter“, „Ein Busfahrer“ und „Der Stahlkocher“ sind als Repräsentanten gesellschaftlicher Normalität ebenso vertreten wie „Die Dolmetscherin“, „Der Maler“ oder „Der Säulenheilige“ als Abgesandte aus dem Reich von Kunst und Religion.

Ein berührendes Gedicht über einen ertrunkenen Flüchtling

Diese Rollengedichte sind dem Autor zufolge aus vielen Gesprächen entstanden, die Schrott zu kleinen Existenzdossiers verdichtet hat. In dieser Reihe findet sich auch das Gedicht zur Stunde, ein berührendes Porträt eines Flüchtlings, der tot angespült wird an einen Strand in Libyen: „vielleicht wurde er krank zurückgelassen/ oder vom lastwagen gestossen / er hatte die lake getrunken . im schatten gesessen / der handbreit von der wand fiel/ keine kraft mehr um zu hassen / dünenkämme gleissend unerträglich weiss / der himmel nun vor einem ziel / das kaum je mehr war als die aussicht auf anderes als almosen / in der tasche gesicht und name auf einem ausweis / aus eritrea – vormals italienisch abessinien – / und eine telefonnummer in mannheim . er wurde 17 jahre alt / das leben ein ruder . ein leckgeschlagener nachen / inmitten einer verlandeten see“. In einige Porträts hat Schrott sein „Testament“ eingraviert, sie sprechen als sein Double.

Das lyrische Subjekt arbeitet an der Demontage des Hochmuts

In seinem bislang persönlichsten Buch geht Raoul Schrott neue Wege. Die große kulturhistorische Geste, der Pionierehrgeiz, der ketzerische Habitus – all das ist noch da. Gleichzeitig arbeitet das lyrische Subjekt an der Demontage des Hochmuts: „meine utopien sind stupid: meine illusionen sind bestürzend: meine spiele kindisch . meine arbeit ist vergeblich: alle lust nur in meiner vorstellung“. Zum ersten Mal bedient sich Schrott des Endreims. Auch wenn er nur dezent eingesetzt wird und sich der Autor Laxheiten gestattet, entsteht ein großer poetischer Mehrwert. Schrotts Langzeilen, die sich in früheren Bänden auf die Akkumulation sinnlich-opulenter Metaphern stützten, werden erstmals von liedhaften Elementen getragen. So entfaltet sich ein zwar brüchiger, aber doch bewegender Gesang von der fundamentalen Unsicherheit des modernen Subjekts, das in seiner „transitorischen Existenz“ alle Gewissheiten eingebüßt hat: „ich aber lebe / im dazwischen der zuflucht / wo alles möglich aber nichts wirklich ist“.

Raoul Schrott: Die Kunst an nichts zu glauben. Carl Hanser Verlag, München 2015. 170 Seiten, 17,90 €.

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