Kultur : Schlendrian und Tyrannei

Clemens Wergin

Rechnete man 100 Jahre dazu, könnten Gustav Seibts Worte auch auf Berlin zutreffenn: "Rom blieb bis ins 20. Jahrhundert eine geteilte Stadt, nicht nur äußerlich, sondern auch gesellschaftlich, politisch und ideologisch." Das passt, mag sich Berlins Regierender Bürgermeister gedacht haben und lud den Autor der "Süddeutschen Zeitung" und Verfasser eines Geschichtsbuchs, das die Parallelen der Hauptstadtwerdung Roms ab 1870 und der Berlins seit dem Mauerfall nachzeichnet, ins Rathaus: gemeinsam mit seinen Journalisten-Kollegen Stephan Speicher, Feuilletonchef der "Berliner Zeitung", und "Zeit"-Reporter Jan Ross als Moderator.

Allein, Klaus Wowereit ließ sich entschuldigen, an seiner Stelle begrüßte Senatskanzleichef André Schmitz das Trio und gab sich nach der Kritik an der misslungenen ersten Veranstaltung der Reihe "Kultur im Rathaus" am Mittwoch geläutert. Munter sich die Bälle zuspielend, verweilten Seibt, Ross und Speicher ein wenig bei der Subventionsmentalität, die die Neuankömmlinge vorfanden - lebten doch sowohl der Kirchenstaat als auch West- und Ostberlin vor der Wende von auswärtigen Zuwendungen. Zuvor hatte Seibt aus seinem Buch "Rom oder Tod" (Siedler-Verlag) vorgetragen: Italien hatte das letzte verbliebene Fleckchen, den Vatikanstaat, erobert, um Rom zum Zentrum des geeinten Italiens zu machen. Es war der Konflikt zwischen der jungen "Religion" des Nationalstaates und dem weltlichen Machtanspruch der Kirche, der mit dem 12. September 1870 ein vorläufiges Ende fand, als königliche Truppen eine Bresche in die Heilige Stadt schlugen. Ähnlich wie nach dem Fall der Mauer war der Kulturkampf damit keinesfalls erledigt. Selbst als die Regierung aus dem Provisorium Florenz in die Ewige Stadt umzog, blieb die Gesellschaft gespalten. Bis heute hält sich der "schwarze" päpstliche Adel dem "weißen", vom König ernannten, für überlegen. Erstaunt stellten die "Invasoren" fest, wie sehr das Papsttum in die Mentalität der Stadt eingesickert war, wo Beamte nur drei Stunden täglich zu arbeiten gewohnt waren.

Und noch eine Parallele lässt sich verfolgen: Nach dem Umzug der italienischen Regierung erfasste ein Bauboom die Heilige Stadt - dem allerdings keine Industrialisierung folgte: Rom blieb eine "parasitäre" Beamtenstadt. Doch während der Kampf um die ästhetische Hoheit im heutigen Berlin fast ausschließlich von Investoren bestritten wird, versuchte der italienische Nationalstaat dem Pomp der Kirche ein eigenes Bilderprogramm entgegen zu setzen. Allegoriengruppen entstanden, in denen "Rom" und "Italien" auftraten sowie die Helden der Revolution, die Politik oder der "Genius der Finanz". Ketzer erhielten ihre Monumente, wie Giordano Bruno auf dem Campo di Fiori. 1885 wurde der Grundstein gelegt für das riesige "Vittoriano", die "Schreibmaschine" an der Piazza Venezia, die nach dem Ersten Weltkrieg zum "Altar des Vaterlandes" wurde und im antiken Stadtzentrum nicht nur die Rückbindung an das antike Rom verkörpert, sondern gleichzeitig den pseudo-religiösen Anspruch des Nationalismus.

Wie jede Neuerung hatte auch das geeinte Italien in Rom mit Nostalgikern zu kämpfen. Mit all den entlassenen Beamten, Religions- und Geschichtslehrern, die murrten, obwohl ihnen eine Pension bezahlt wurde. Und die sich nach jener "Mischung aus Schlendrian und Tyrannei" zurücksehnten, die laut Jan Ross sowohl das Papsttum als auch die DDR kennzeichneten. Schließlich hat, wie Stephan Speicher bemerkte, "alles Untergehende etwas Poetisches".

0 Kommentare

Neuester Kommentar