Kultur : Theorie und Talk

CLEMENS WERGIN

Das Auditorium Maximum der FU ist bis zum letzten Platz gefüllt, als Umberto Eco nach der Verleihung der Ehrendoktorwürde (Tsp vom 17.11.) am Montag abend die Internationale Woche der FU mit einem Vortrag über "Die Universität und die Massenmedien" eröffnet.Wer von beiden an diesem Abend das Sagen hat, macht Eco gleich zu Anfang klar: Da die anwesenden Fotografen seinen Kontakt zum Publikum behinderten, schickt er sie unter dem Beifall des Saales kurzerhand nach Hause.

Eco, der als Kolumnist des "Espresso" selber ein Grenzgänger zwischen Medien und Hochschule ist, verwahrt sich gegen klare Abgrenzungen.Den Elfenbeinturm habe es nie gegeben, von Aristoteles über die Universitätsgründungen von Bologna und Paris bis zu Kissinger ziehe sich ein roter Faden der gegenseitigen Beeinflussung von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit.Wissenschaftler waren Erzieher von Prinzen, und die funktionale Verbindung von Verlagswesen und Universität sei so eng, daß schon die wissenschaftlichen Werke der Renaissance voller Lobhudeleien für den jeweiligen Verleger seien.Inzwischen müsse man jedoch von einer "liaison dangereuse" sprechen.Eco macht dies am Paradox der Publizistik deutlich: Während ein Fachbereich Journalisten ausbildet und ihnen die Handhabung der Medieninstrumentarien vermittelt, kritisiert die Kommunikationsforschung und die Politikwissenschaft die Mechanismen der Medienwelt.

Die Universität könne diesen Zielkonflikt aushalten.Sie werde jedoch auch zu medialen Zwecken ausgenutzt.So sei es durchaus fraglich, so der Semiotiker, ob das Phänomen "Madonna" schon existiert habe oder ob es erst durch die Beschreibung außenstehender Beobachter entstanden sei.Schlimmer sei allerdings, daß die Medien zunehmend universitäre Themen vorgäben, die zum "media hype" avanciert seien, weswegen sich in den USA struktureller Feminismus und political correctness schon als Fächer etabliert hätten.Andererseits führe die Nutzung massenmedialer Techniken wie des Internets dazu, daß die Bibliographien wissenschaftlicher Arbeiten ins Unendliche aufgeblasen würden.Da im Netz die auswählende Kontrolle des Verlagswesens entfalle, könnten auch Arbeiten von zweifelhaftem Wert publiziert werden.

Eco sieht die Universität deswegen in Zukunft als "gate-keeper", der angesichts der Überfülle an Werken entscheiden muß, welche es zu erhalten und zu überliefern lohnt.Überhaupt plädiert er dafür, die Schwäche der Medien auszunutzen.Da diese ihre Stärke bei der Darstellung von Fakten haben, könne man ihnen die reine Informationsvermittlung getrost überlassen, während an der Universität die Entwicklung von "Konzepten über Fakten" vorangetrieben werden müsse.20 Jahre betrage der Vorsprung, den die Universität hierbei habe, bevor die Medien die Theorien aufgriffen.Wenn es der Universität gelingt, diesen Vorsprung zu halten, dann, so Eco verschmitzt, habe sie auch in Zukunft eine Existenzberechtigung.

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