Kultur : Wahlen in Serbien: Warten auf das Weltkapital

Stephan Israel

Schikane war es nicht. Noch in den Tagen, an denen Slobodan Milosevic Jugoslawien fest in seinen Klauen hielt, hätte man es wohl auf den ehemaligen Diktator geschoben. Doch der war ausnahmsweise nicht Schuld, jedenfalls nicht direkt. Zahlreiche serbische Haushalte mussten die Weihnachtstage weitgehend in Dunkelheit und Kälte verbringen. Wegen massiver Versorgungsengpässe sei der Strom für viele Stunden abgeschaltet worden, teilte das staatliche Energieunternehmen EPS am Dienstag mit. Auch Außenbezirke der Hauptstadt Belgrad seien betroffen. Den Angaben zufolge werden die Verbraucher in vier Gruppen eingeteilt; jeweils drei von ihnen müssen stundenlang ohne Strom auskommen, so dass viele Haushalte nur sechs Stunden am Tag versorgt werden.

Der Engpass hängt vor allem damit zusammen, dass viele Häuser mit Strom geheizt werden. Als weiteres Problem kommt der Rückgang russischer Gaslieferungen hinzu. Ab Mittwoch werde sich die Lage vermutlich wieder verbessern, erklärte EPS. In der westserbischen Stadt Cacak wurde jedoch laut der Nachrichtenagentur Beta der Notstand ausgerufen. Nur das Krankenhaus wurde noch ausreichend versorgt; Unternehmen, Kindergärten und Schulen mussten dagegen den Betrieb einstellen.

Erste Schritte zur Stabilisierung

Nicht nur wegen der Energieengpässe wurde es für Jugoslawien höchste Zeit, dass der Internationale Währungsfondns (IWF) das Land wieder in seinen Reihen aufnimmt. Diese Zusage hatte Belgrad auch noch rechtzeitig vor der Wahl aus Washington bekommen. Jugoslawiens neuer Nationalbankchef Mladjan Dinkic sprach in einer ersten Reaktion von einem großen Erfolg nach nur zwei Monaten der Verhandlungen: "Das bedeutet, dass die Tore zum Weltkapital für uns jetzt offen sind." Der Bankgouverneur wertete die Rückkehr in die Reihe der IWF-Mitglieder zudem als grünes Licht für potenzielle Investoren. In der kurzen Zeit seit dem Sturz von Milosevic hat die Nationalbank schon eine Reihe von Schritten zur Stabilisierung unternommen.

Vorerst bis Ende des Jahres ist der Dinar im Verhältnis 30 zu eins an die Mark gebunden. Devisen werden jetzt erstmals seit zehn Jahren wie im übrigen Europa auch in Serbien wieder am Bankschalter gewechselt. Die fliegenden Schwarzhändler sind über Nacht von den Straßen verschwunden. Wer zehntausend Mark auftreiben kann, darf eine Wechselstube eröffnen. Neue Dinarscheine, seit wenigen Tagen im Umlauf, sollen ebenfalls helfen, den Ruf der Landeswährung aufzubessern.

97,5 Mark Durchschnittseinkommen

Damit ist nur ein Anfang gemacht, denn Serbiens erste demokratische Regierung wird sich mit den Altlasten des Milosevic-Regimes in den kommenden Monaten und Jahren noch schwertun. Laut Bankgouverneur Dinkic haben Slobodan Milosevic und seine nähere Umgebung in den letzten zehn Jahren rund vier Milliarden Dollar außer Landes gebracht. Parallel dazu ist die Bevölkerung von zehn Millionen in die Misere abgerutscht. Experten schätzen, dass Serbiens Wirtschaft unter Slobodan Milosevic um etwa 50 Jahre zurückgefallen ist.

Ein durchschnittliches Einkommen lag im Oktober bei 97,5 Mark. Eine vierköpfige Familie bräuchte aber viermal soviel, um einigermassen über die Runden zu kommen. Die Inflation, die sich in diesem Jahr auf gegen 100 Prozent belaufen soll, macht das Leben zusätzlich schwer. Am schlechtesten geht es Rentnern oder der knappen Million Flüchtlinge, die aus Kroatien und Bosnien im Mutterland Serbien Zuflucht gefunden hat. 60 Prozent der Bevölkerung gilt laut internationalen Maßstäben als "arm", 20 Prozent fallen in die Kategorie "sehr arm".

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