Der Tagesspiegel : Letzte Ruhe nach 60 Jahren

In der Gedenkstätte Sachsenhausen wurden die sterblichen Überreste tausender KZ-Häftlinge beigesetzt

Claus-Dieter Steyer

Oranienburg - In einer bewegenden Trauerzeremonie ist gestern die kürzlich entdeckte Asche von mehreren tausend Häftlingen des Konzentrationslagers Sachsenhausen in ein Massengrab gelegt worden.

Auf die sterblichen Überreste waren Archäologen bei Bauarbeiten an der einstigen Vernichtungsstation „Z“ gestoßen. Sie lagen in drei Gruben unter einer anderthalb Meter dicken Erdschicht sowie einer zu DDR-Zeiten gelegten Betonplatte. Die Station „Z“ bestand aus einer Gaskammer, einer Genickschussanlage sowie einem Krematorium mit vier Öfen. Anfang der fünfziger Jahre war sie von der Kasernierten Volkspolizei aus bis heute ungeklärten Gründen gesprengt worden. Es blieben nur Relikte des Krematoriums zurück. Ebenso verschwanden damals die Ascheberge, von denen die sowjetischen Truppen nach der Befreiung des Lagers am 17. April 1945 noch berichtet hatten.

„Überlebende des Lagers berichteten uns immer wieder, dass das gesamte KZ ein großer Friedhof sei“, sagte der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Günter Morsch. „Denn die SS habe angeordnet, Menschenasche und Knochen auch zur Verfüllung von Löchern auf den Wegen und Plätzen zu verwenden.“ Die Entdeckung der drei großen Gruben mit der Asche habe selbst langjährige Mitarbeiter der Gedenkstätte erschüttert. „Denn wir standen vor den Zeugnissen der Massenvernichtung“, sagte Morsch.

Jüngste Untersuchungen hätten ergeben, dass auch der mehrere hundert Meter lange Weg am so genannten Industriehof im Lager mit sterblichen Überresten von Häftlingen angelegt worden sei. Der „Knochenweg“ werde künftig als Grabstätte gestaltet, kündigte der Direktor an. Bislang sei nur bekannt gewesen, dass die SS im Januar 1945 etwa neun Tonnen Menschenasche in den Hohenzollernkanal – den heutigen Oder-Havel-Kanal – gekippt hatte, um Spuren zu verwischen.

Adam König, Überlebender des Lagers, würdigte die gestrige Beisetzung als Akt der Pietät. „Die damals umgebrachten Menschen sollen und dürfen nicht vergessen werden“, erklärte er. Sie hätten so wie alle anderen Häftlinge gehofft und gebangt. Doch die Befreiung des Lagers sei für sie zu spät gekommen. „Die Asche stammt von Menschen unterschiedlicher Nationalität, Weltanschauung und Religion. Sie passten nur nicht in das Weltbild der NS-Ideologie.“ Viele Tote seien noch Schüler und Auszubildende gewesen.

Vor der Ablage der in 150 Kästen gesammelten Asche sprachen Oranienburger Pfarrer der evangelischen und katholischen Kirche sowie der Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Yitzhak Ehrenberg, Worte des Gedenkens. Studenten der Humboldt-Universität und andere Trauergäste, darunter Brandenburgs Kulturministerin Johanna Wanka (CDU), verlasen symbolisch Namen von ehemaligen Häftlingen. Ihre letzte Ehre bezeugten den Toten ebenso Vertreter der Botschaften der USA, Russlands, Weißrusslands, der Ukraine und Sloweniens.

Zwei mit Asche gefüllte Urnen werden erst am 17. April in ein Grab gelegt. An diesem Tag begehen rund 600 Überlebende des Lagers aus vielen europäischen Ländern sowie aus Israel und den USA den 60. Jahrestag der Befreiung und gedenken ihrer ermordeten Kameraden. Zu diesem Anlass wird auch die neu gestaltete Erinnerungsstätte an der Vernichtungsstation „Z“ übergeben.

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