Der Tagesspiegel : Manfred Stolpe im Gespräch: "Wir haben es gut getroffen mit dem märkischen Adel"

Ihr Innenminister hat die Schirmherrschaft fü

Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) hatte sich zu DDR-Zeiten für die Erhaltung der Garnisonkirche ausgesprochen.

Ihr Innenminister hat die Schirmherrschaft für den Aufbau der Garnisonkirche übernommen. Ist die Zeit dafür reif?

Die Garnisonkirche, ihr Turm insbesondere, gehört zum Potsdamer Stadtbild. Ihre Wiederherstellung wird nur durch private Initiative, ohne öffentliche Gelder möglich sein. Noch nicht ausdiskutiert ist für mich, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist und ob es die originalgetreue historische Form sein muss. Ich bin ein Anhänger der neuen Heilig-Geist-Kirche, die in einer modernen Architektur, aber mit den alten Proprotionen errichtet wurde.

Die Garnisonkirche mit einer modernen Fassade aus Glas und Stahl?

Ich bin da unbefangen. Für das Stadtpanorama ist entscheidend, dass an diese Stelle wieder ein Turm, ein Wahrzeichen kommt.

Schönbohm ist weit vorgeprescht, als er ohne Abstimmung mit Ihnen und der evangelischen Kirche die Schirmherrschaft für den Aufbau der Garnisonkirche übernommen hat. Fühlen Sie sich überrumpelt?

Ich halte seine Privatinitiative für tolerabel.

In der evangelischen Kirche, aber nicht nur dort, gibt es Unbehagen über die Dominanz ehemaliger oder aktiver Militärs in der Stiftung "Preußisches Kulturerbe", die den Kirchenaufbau finanzieren will. Könnte das dem Anliegen eher schaden?

Ich sehe hier eine Gefahr. Deshalb wäre es meines Erachtens nach nötig, rechtzeitig nach Gegensignalen zu suchen.

Hitler hat in der Kirche 1933 die Rede zur Konstituierung des Reichstages gehalten. Manche befürchten, dass sie zum Wallfahrtsort für Braune werden könnte?

Die Sorge ist nicht unbegründet, aber sie sollte uns nicht vom Aufbau abhalten. Allerdings muss schon mit dem Grundstein klar sein, wie man der Gefahr von Missbrauch und Missdeutungen begegnet. Als ich mich 1968 in einem Brief an Walter Ulbricht für die Erhaltung der Garnisonkirche einsetzte, habe ich für ein Friedensmahnmal gegen Militarismus und Krieg plädiert.

Sollte der Soldatenkönig umgebettet werden, wenn die Kirche wieder steht?

Man sollte Respekt vor den Entscheidungen haben, die von Prinz Louis Ferdinand, dem früheren Chef des Hauses Hohenzollern, getroffen worden sind. Der Soldatenkönig soll ruhen, wo er ist.

Was halten Sie von der Forderung der PDS nach einem Bürgerentscheid, ob die Garnisonkirche aufgebaut werden soll?

Die PDS versucht politisch zu punkten, weil es Skepsis in der Bevölkerung gibt. Wenn die PDS verantwortlich über die Gestaltung Potsdams nachdenkt, müsste sie für einen Turm an dieser Stelle sein. Aber wie gesagt: Ich halte die Garnisonkirche nicht für ein eiliges Vorhaben.

Ist das Stadtschloss wichtiger?

Ja, vordringlich ist, zuerst die Lücke am Alten Markt zu schließen, die zerstörte Stadtmitte herzustellen. Das muss Priorität haben, während der Turm der Garnisonkirche mehr eine Frage der Silhouette und verglichen mit der Mitte sekundär ist.

Die Stiftung "Preußisches Kulturerbe" will den Grundstein für die Kirche schon im nächsten Jahr legen. Wann wäre aus Ihrer Sicht der richtige Zeitpunkt?

Wenn das zu DDR-Zeiten auf dem Kirchgelände errichtete Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik umziehen muss, weil sich keine andere Verwertung des heute noch nicht verschlissenen Gebäudes lohnt. Das wird in einem überschaubaren Zeitraum geschehen, ich schätze spätestens in zehn Jahren. Dann sollte der Turm kommen.

Es sieht momentan nicht so aus, als ob es mit dem Schloss schnell vorangehen wird. Laut Machbarkeitsstudie kann das von der Stadt bislang favorisierte Kongresszentrum nicht mit einer historischen Fassade errichtet werden. Ein Rückschlag?

Die Chancen haben sich nicht verschlechtert. Die Studie macht auf die Klippen, vor allem die nötige Wirtschaftlichkeit, aufmerksam: Wir wissen jetzt, dass ein originalgetreuer Aufbau des Stadtschlosses nicht zu finanzieren sein wird. Man wird also Kompromisse, etwa bei der Überbauung des Innenhofes, machen müssen. Aber große Teile der historischen Schlossfassade sollten es schon sein.

Also Ernüchterung?

Ich biete der Stadt an, dass wir uns nach der Bundesgartenschau verständigen, wie es mit dem Alten Markt weitergehen soll. Es darf keine Resignation aufkommen. Das vordringliche Ziel, die Wiedergewinnung der Potsdamer Mitte, darf nicht durch die Debatte um die Garnisonkirche in den Hintergrund gedrängt werden.

Dass die Chancen für den Aufbau der Garnisonkirche gewachsen sind, ist auch der alten preußischen Adelsfamilie von Hinckeldey zu verdanken, die mit 1,5 Millionen Mark die Garnisonkirchen-Stiftung ins Leben gerufen hat. Warum wird das Engagement von Adligen in und für Brandenburg nie gewürdigt?

Man sollte das in der Tat deutlicher herausstellen. Ich schätze die Leistungen von alten märkischen, preußischen Adelsfamilien, die zum Teil seit vielen hundert Jahren hier im Lande leben, für den Wiederaufbau Brandenburgs sehr. Es ist zwar keine Massenbewegung. Doch ist das Engagement des Adels in Brandenburg inzwischen ein Wirtschafts- und Kulturfaktor, ein Gewinn für das Gemeinwesen geworden.

Die SED hat den Adel pauschal als reaktionär diffamiert und mit Begriffen wie "Junker" und "Kriegsverbrecher" stigmatisiert. Wirkt das in der Bevölkerung nach?

Man kann es mit dem pauschalen Negativbild über Preußen vergleichen. Die Verurteilung des Adels, die sich schon bei den Siegermächten andeutete und dann zu SED-Zeiten fort- und vor Ort umgesetzt wurde, ist ungerecht. Der Adel hatte einen wichtigen Anteil an der kulturellen Entwicklung Brandenburgs und Preußens, an der Modernisierung der Agrarwirtschaft, an Reformen. Ganz zu schweigen von den Widerständlern gegen Hitler, mindestens zwanzig bezahlten das mit dem Leben. Neben den Kommunisten waren es Adlige, die das Gesicht der Deutschen wahren halfen. Es ist nur gerecht, einseitige Geschichtsbilder gerade zu rücken.

Inzwischen sind Nachfahren berühmter Geschlechter mit klingenden Namen wieder in die Mark zurückgehrt: von Arnim, von Ribbeck, von Pückler, von Maltzahn, von Lynar, von Hardenberg...

Es sind rund dreißig Familien, die wieder in Brandenburg leben, in der Uckermark, in der Lausitz, im Havelland. Sie hatten oft mit schwierigen Bedingungen zu kämpfen: Sie mussten ihr früheres Eigentum erneut kaufen und oft ihr ganzes Vermögen einsetzen. So wurden Schlösser und Parks rekonstruiert, die sonst verfallen wären. Diese Familien sind darüber hinaus wichtige Partner für die Dorfgemeinschaft, für die Wirtschaft und das geistig-kulturelle Leben im Ort geworden. Kurz, sie sind wichtige Aufbauhelfer für das Land. Dies ist umso bemerkenswerter, als es auch Adels-Familien gibt, die wegen der Entscheidung für die Bodenreform und gegen eine Rückgabe früherer Besitztümer verbittert sind, die keinen Fuß in die frühere Heimat setzen und negativ über Brandenburg reden.

Verläuft die Integration konfliktfrei?

Sicher gab und gibt es auch Vorbehalte. Ich habe aber selbst beim Streit um die Bodenreform kein dramatisches Aufwallen in der Bevölkerung beobachtet. Die anfängliche Sorge in den Dörfern, dass jetzt die Grafen wiederkommen, die Bauern von ihrer Bodenreform-Scholle vertreiben und damit die Agrarbetriebe gefährden, hat sich nicht bestätigt. Das liegt auch daran, dass wir es mit dem märkischen Adel gut getroffen haben.

Anderswo in Ostdeutschland, etwa auf Rügen, gab es böses Blut.

Das hat es hier zum Glück nicht gegeben. Nur in ganz wenigen Ausnahmen kam es durch aggressives Vorgehen, durch Pochen auf alte Rechte, zu Problemen mit der Dorfbevölkerung. Das macht es uns heute leichter, die Aufbauleistungen der Adelsfamilien herauszustellen. Wir brauchen sie für die Weiterentwicklung des Landes. Sie können auch außerhalb des Landes dazu beitragen, dass über Brandenburg gerecht geurteilt wird.

Herrscht in der Bevölkerung nicht noch ein falsches Bild vom Adel vor: Mondäne Schlossherren mit Dienern, die dem Müßiggang frönen, zur Jagd gehen, rauschende Feste feiern.

Ich glaube, dass man das dort, wo die Adligen leben, anders sieht. Unsere Adligen gehören nicht zu den Kuponschneidern, die ihre Millionen auf Yachten im Mittelmeer verprassen. Es sind überwiegend Leute, die arbeiten, mit ihrem Kopf, mit ihren Händen. Viele dieser Familien waren auch früher nicht übermäßig reich, hatten nach dem Krieg ihren Besitz verloren.

Welche Probleme werden Ihnen aus diesem Kreis vorgetragen?

In den Anfangsjahren ging es oft um Gerichtsverfahren. Auch gab es Sorgen um die Akzeptanz in der Bevölkerung. Ich habe immer geraten, unbefangen auf die Menschen zuzugehen, Befürchtungen vor der Rückkehr der "Herren" auszuräumen. Es gibt das Problem, wie man den erworbenen Altsitz der Familie lebensfähig halten, wie man wenigstens ein Minimum an Wirtschaftlichkeit erreichen kann, zum Beispiel durch überschaubare Landbewirtschaftung. Ein Schloss muss erst einmal unterhalten werden.

Es gibt Leute wie Karl Wilhelm von Finckenstein, der nicht nur Schloss Madlitz rekonstruiert hat, sondern auch viel für das Dorf tut, ein Gemeindezentrum gebaut hat. Müssten Sie solches Mäzenatentum angesichts leerer Kassen nicht fördern?

Wir tun das. Herrn von Finckenstein müssten wir öffentlich ehren. Er hat nicht nur aufgebaut, sondern das Vertrauen der Menschen gewonnen.

In Brandenburg sind noch immer rund dreihundert Schlösser und Herrenhäuser gefährdet. Warum tut das Land nicht mehr, um sie vor dem Verfall zu retten?

In marode Schlösser und Herrenhäuser sind immerhin rund 250 Millionen Mark geflossen. Wir haben dafür gemeinsam mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz extra eine Gesellschaft gegründet. Wir werden auch weiter versuchen, Investoren für marode Schlösser zu gewinnen.

Sie könnten versuchen, weitere Adelsfamilien dafür zugewinnen?

Ich sage ausdrücklich: Jeder, der kommt, der mithilft, dieses Land aufzubauen, ist herzlich willkommen.

Sie wollen seit langem den vor 300 Jahren eingeführten preußischen "Rote Adler Orden" wieder auflegen. Wäre das Preußenjubiläum nicht der ideale Anlass?

Wir haben den besten Zeitpunkt für den Orden verpasst, nämlich das Oderhochwasser. Ich meine nach wie vor, dass der Orden wieder eingeführt werden sollte, spätestens wenn sich Berlin wieder an Brandenburg angeschlossen hat. Allerdings wird seine Gestaltung gar nicht so leicht sein. Eine Imitation des Rote-Adler-Ordens existiert ja schon: das Bundesverdienstkreuz.

Wird es den Adler-Orden noch in Ihrer Amtszeit geben?

Ja, wenn ich noch ein bisschen lebe.

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