Meinung : Afghanistan: Ein Fall für die Uno

Clemens Wergin

Manchmal ist die Geschichte nicht der lange, träge Fluss, als der sie uns meistens erscheint. Dann überschlägt sie sich, wie im Moment in Afghanistan: Noch vor einigen Wochen hatte sich der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld überrascht gezeigt über die Hartnäckigkeit der Gotteskrieger. Jetzt fällt das Regime so schnell in sich zusammen, dass es der internationalen Politik kaum gelingt, mit dem Vorrücken der Nordallianz Schritt zu halten. Denn das will niemand: Dass allein die Nordallianz das nun entstehende Machtvakuum füllt. Jene lose Koalition, die vor ihrer Vertreibung aus Kabul durch die Taliban ein Schreckensregiment errichtet hatte und die Stadt in Schutt und Asche legte.

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Vor allem die Nachbarn Afghanistans wollen verhindern, dass eine Regierung unter falschen Vorzeichen entsteht. Eine einseitige ethnische Zusammensetzung könnte dem neuen Afghanistan den Keim eines weiteren Bürgerkrieges einpflanzen. Daher haben die Vereinten Nationen nun reagiert: Innerhalb von nur 24 Stunden beschloss der Sicherheitsrat eine Resolution, mit der die Uno die Entstehung einer neuen Regierung zu beeinflussen hofft. Doch eine Afghanistan-Konferenz, egal ob sie in Genf, Katar oder anderswo stattfindet, wird nicht ausreichen, um eine stabile, alle Bevölkerungsgruppen einbindende Regierung zu garantieren. Wichtiger noch ist, dass die Vereinten Nationen in Afghanistan selbst Präsenz zeigen. Zwar wird die Staatengemeinschaft in der Resolution aufgefordert, "die Sicherheit in den ehemalig von den Taliban beherrschten Gebieten zu verstärken" - und Frankreich und Großbritannien haben dafür Ordnungskräfte angeboten. Aber die Uno muss auch ihrerseits mehr tun.

Wann, wenn nicht jetzt, könnte die Uno jene Schlüsselrolle ausfüllen, die ihr in der internationalen Politik zukommt? Der Westen kann sich nicht zum Schiedsrichter der afghanischen Konflikte aufschwingen, weil er als parteiisch gilt. Aber auch der Nordallianz darf man das Prozedere für die Regierungsbildung nicht überlassen, schließlich müssen die Paschtunen als größte Volksgruppe eingebunden werden. Und die Nachbarstaaten verfolgen eigene Interessen.

Deshalb wird die Uno als Moderator benötigt. Wie wäre es mit dieser Parallelaktion: Die Engländer, Franzosen und eventuell die Türkei befrieden mit Ordnungskräften die befreiten Gebiete. Und sichern die Uno in ihrer Rolle als Herrin des politischen Verfahrens ab. Auf die innerafghanischen Milizen ist wenig Verlass. In mehr als 20 Jahren Krieg ist das zerstört worden, was als Basis für eine friedliche Entwicklung dienen könnte: die Zivilgesellschaft.

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