Ich habe verstanden : Die Werbung wird leiser

Fernsehwerbung ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Jetzt dreht die ARD auch noch die Lautstärke der Clips herunter. Bei unserem Kolumnisten hebt das die Laune.

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Matthias Kalle.
Matthias Kalle.Foto: Privat

Ein Missverständnis lautet wohl, dass ich immer schlecht gelaunt bin, diese Kolumne schlecht gelaunt schreibe und meine schlechte Laune daher kommt, dass ich die Dinge des Lebens tendenziell für zu schlecht befinde – aber das ist natürlich alles gar nicht wahr.

Am Donnerstag kam nämlich die Meldung, dass die ARD ab Januar 2012 die Grundlautstärke ihrer Werbung leiser dreht – das ZDF hält das offensichtlich für eine gute Idee und möchte wohl ähnliches probieren. Im Moment ist es ja tatsächlich noch so, dass die Lautstärke der Fernsehwerbung höher ist als die des Restprogramms: Die Werbespots werden bereits mit höherer Lautstärke angeliefert, wie hoch ist übrigens festgeschrieben, ein gewisser Pegel darf zwar nicht überschritten werden, allerdings stellen die meisten Unternehmen den Lautstärkepegel schon am Anfang eines Spots auf Anschlag, was dazu führt, dass es zu einem Schreckmoment für den Zuschauer kommt, wenn der erste Spot in einem Werbeblock gezeigt wird, weil die Lautstärke der vorherigen Sendung geringer war. Diesen Unterschied wollen die öffentlich-rechtlichen Sender ihren Zuschauern offensichtlich nicht mehr zumuten.

Die Privatsender schauen und hören sich das alles erstmal an, die sind was die Werbung angeht eh ein wenig, nun ja, schmerzbefreiter. Die haben es irgendwie geschafft, ihre Werbeblöcke parallel zu schalten – wenn zum Beispiel auf RTL Werbung läuft und man als Zuschauer diese Gelegenheit nutzen will, um mal bei den anderen zu gucken, dann läuft auch da meistens Werbung. Die Werbung ist heutzutage übrigens auch nicht mehr das, was sie mal war

Fernseh- und Kinowerbung war mal anders, irgendwie besser. Vor 20 Jahren etwa gab es Spots, die waren eine Sensation, auf die hat man gewartet, man wollte schauen, was sich die so genannten Kreativen wieder ausgedacht haben. Die Werbespots einer Jeansfirma zum Beispiel waren mal kein Ärgernis, sondern ein Highlight – die Songs, die darin gespielt wurden, wurden Hits. Im Kino vertrieb man sich die Zeit vor dem Film mit dem Spiel „Werberaten“, wer zuerst sagte, um welches Produkt es sich handelt, durfte in die Popcorn-Tüte greifen. Werbung war Kunst, Pop, es gab tatsächlich Fernsehsendungen, die Werbung zeigten, Menschen haben sich das angeschaut, und das völlig Verrückte damals war: junge Menschen wollten in der Werbung arbeiten, sie wollten „Werber“ werden, lässige Typen, die sich diesen ganzen coolen Kram ausdenken.

Werber war mal ein Traumberuf – vielleicht war es auch nur ein Traumklischee, aber in den 90er Jahren dachte man, man würde als Werber gut dafür bezahlt werden, sich lustige Dinge einfallen zu lassen, in der Welt rumzukommen und dauernd Models kennen zu lernen (Model – die Älteren erinnern sich – auch so ein Traumberuf aus den 90er Jahren).

Heute will ja niemand mehr Werber werden (Model auch nicht, dafür hat ja Heidi Klum mit ihrer Pro-7-Show gesorgt). Ich weiß gar nicht, ob es den Begriff überhaupt noch gibt, oder ob der Werber nicht längst zu den Schwachmatenberufen gehört wie der Schiffsschaukelbremser, der Bierkutscher und der Autoscootereinparker. Der Beruf taucht jedenfalls auf keiner Beliebtheitsliste mehr auf, er scheint keine Rolle mehr zu spielen – bedeutet das also, das auch die Werbung keine Rolle mehr spielt? Wird sie erst leiser um am Ende irgendwann ganz zu verschwinden? Weil es dann niemanden mehr gibt, der sich Werbung ausdenkt? Ist diese Vorstellung der Grund für meine gute Laune?

Oder ist alles viel schlimmer, weil versteckt, im Dunkeln, graue, böse Menschen daran arbeiten, wie sich ganz schlechte Werbung, ganz leise in mein Unterbewusstsein schleicht oder überall da auftaucht, wo ich es nicht vermute? Müsste ich mal drüber nachdenken. Aber nicht jetzt. Jetzt muss ich Schuhe kaufen. So dicke für den Winter. Ich glaub, die brauche ich unbedingt. Sonst kriege ich wieder schlechte Laune.

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