Japanische Mentalität : Ganbarimashou! - Wir halten durch!

Das Vertrauen der Japaner in ihr Land scheint unerschütterlich. Statt panisch zu fliehen, decken sie sich lieber mit Jodtabletten ein. Hierzulande löst das Kopfschütteln, aber auch Bewunderung für dieses Volk aus.

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Michaela Vieser ist Japanologin und Autorin.
Michaela Vieser ist Japanologin und Autorin.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Gestern las ich Goethes Gedicht vom Zauberlehrling, ich suchte nach der Telefonnummer des Hexenmeisters, der dem Spuk in Fukushima ein Ende setzen könnte. Es gibt ihn natürlich nicht, den Hexenmeister. Ein Gott wäre die nächste Anlaufstelle.

Gerade hatte ich das gedacht, da postete mein japanischer Freund N. auf Facebook so etwas wie ein Gebet. Ich war sofort stutzig. Er ist einer der wenigen Freunde, die in Tokio geblieben sind, trotz zweier kleiner Kinder, trotz des Windes, der radioaktive Strahlung in die Stadt wehte. Trotz all der Warnungen. Wer Japaner kennt, weiß, dass etwas sehr Besonderes ansteht, wenn sie sagen, sie beten.

Also rief ich sofort an. Am Telefon wirkte N. dann aber gelassen. „Alles ist normal, das Leben in Tokio ist jetzt so schlecht wie das in London, unorganisiert, die U-Bahn fährt nicht mehr pünktlich.“ Ich fragte: „Kann ich etwas für euch tun?“ (Ich hatte seit Sonntag bereits dreimal in unterschiedlichen Tönen geschrieben, dass er und seine Familie herzlich willkommen seien, bei uns zu wohnen). Ich nahm an, er würde verneinen. Doch zum ersten Mal überhaupt, seit ich ihn kenne, sagte er Ja. Ich solle ihnen Jodtabletten schicken.

Ich war überrascht. Wenn die japanische Regierung in einer Sache konsequente Ansagen gemacht hatte, dann darin, dass es einen ausreichenden Vorrat an Jodtabletten gebe. Offensichtlich bröckelt das Vertrauen in die Regierung.

Mein Freund N. sowie auch meine Freundin U. haben sich entschieden zu bleiben. Beide haben Kinder, U. ist zudem schwanger und sie hätten allen Grund und alles Recht der Welt, jetzt für ein paar Wochen wegzufahren. Sie tun es aber nicht. Stattdessen beenden sie jedes Gespräch mit einem „Ganbarimashou“. Wir halten durch. Wir geben nicht auf. Wir tun unser Bestes.

Das Wort Ganbarimashou ist Fluch und Segen zugleich. Man spricht sich Mut zu, vor einer schweren Sache, die gemeistert werden muss. Es ist Anerkennung für die Leistung des anderen. Es ist aber auch ein Festhalten an etwas, das auf verlorenem Posten steht.

Rufen sich die 50 Männer, die das Atomkraftwerk in Fukushima betreuen, vor jeder Schicht ein Ganbarimashou zu? Ich möchte es fast wetten. Wenn U. ihre Kinder vom Kindergarten abholt und dort eine andere Mutter trifft, sich mit ihr austauscht, wo man in der Stadt noch Windeln bekommt, werden sie sich mit den Worten „Ganbarimashou“ voneinander verabschieden und dabei betreten auf den Boden sehen.

Auch meine japanische Freundin M., ein Jetsetgirl, hatte ein Flugticket nach Amerika für gestern Abend. Sie beschloss, nicht wegzufliegen, sondern zu bleiben. „Wie könnte ich jetzt gehen!“, schrieb sie mir. „Ganbarimashou!“ Immerhin, sie ist nach Süden gefahren, an einen Ort, wo es viele gute Partys gibt. Und auch der Sakebrauer, der auf seine vom Tsunami zerstörte Fabrik schaut: „Ganbarimashou! Das werde ich wieder aufbauen.“

N. und U. haben beide jahrelang in New York gelebt. Beide haben sich mit Anfang 20 entschlossen, nach Japan zurückzugehen. Beide sprechen fließend Englisch. Sie können die ausländische Presse lesen, die vielen Aufrufe auf Facebook. Und dennoch: Sie bleiben.

Ich versuche mir zu erklären, wie man so stoisch sein kann und nicht flieht in Anbetracht dieses nie dagewesenen atomaren Unfalls, dessen Ausmaß nicht einschätzbar ist. Ist es ein sozialer Zwang? Ist es wegen eines Ideals, das sich das letzte Mal in Japan vor knapp einem Menschenleben zeigte? Wurde hier das Prinzip der bedingungslosen Treue plötzlich reaktiviert? Nein. Japan wurde von einem der schlimmsten Erdbeben heimgesucht, aber trotz der vielen Opfer ist klar: Es hätte noch verheerender sein können. Die 500 000 Obdachlosen könnten 500 000 Tote sein, hätte Japan nicht alles Menschenmögliche getan, den Folgen des Erdbebens und des Tsunamis zu begegnen. Die meisten Frühwarnsysteme haben funktioniert und die Menschen konnten rechtzeitig aus ihren Häusern fliehen, die Minuten später von den Fluten verschluckt wurden. In Tokyo wackelten die Wolkenkratzer wie Papphäuser, aber sie hielten stand. Eine Massenpanik brach nicht aus. Japan lebt, seit das Land von Menschen bevölkert ist, in dem Bewusstsein, dass die Natur übermächtig ist. Bisher haben sie auf Japan vertraut. Sie tun es auch weiter. Tokio ist das Herz der Nation. Die Stadt zu verlassen bedeutet, das Vertrauen in Japan zu verlieren.

Warum also das Gebet meines Freundes N., die Frage nach Jodtabletten? Weil das, was sich jetzt abspielt, noch nie durchgespielt wurde. Jetzt heißt es weiter Vertrauen beweisen. Wir müssen an dieselbe Zeit in einem Jahr denken. Das Leben muss weitergehen. Ganbarimashou!

Ich schwanke zwischen Bewunderung und Kopfschütteln. Seit Freitag klebe ich vor den Livetickern der Welt, zwischen BBC, New York Times, Tagesschau und Facebook. Ich erhalte unzählige Anfragen von deutschen Freunden, die Platz bei sich anbieten für Japaner. Es ist fast schon eine schöne Vorstellung, dass wir plötzlich alle japanische Familien bei uns aufnehmen. Was wir voneinander lernen könnten! Ein gemeinsames Ganbarimashou! Denn egal, wie die Situation sich entwickeln wird, die Welt wird eine andere sein. Eine, in der wir alle mit anpacken müssen.

Ich denke an das von vielen verehrte Mädchen Sadako Sasaki, die nach dem Abwurf der Atombombe in Hiroshima an Leukämie erkrankte. Sie hörte, dass die Götter demjenigen, der tausend Origami-Kraniche faltet, einen Wunsch erfüllen. Sie schaffte mehr als tausend Papiervögel, bis sie starb. Ganbarimashita. Sie hatte nicht aufgegeben. Bis zum Schluss.

Die Autorin ist Japanologin, ihr Buch „Tee mit Buddha“ ist 2009 im Pendo Verlag erschienen.

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