Kolumne "Meine Heimat" : Mitleid mit der Kanzlerin

Unsere Kolumnistin Hatice Akyün ist irritiert, wie sich die Parteien und deren Protagonisten im Vorfeld der Bundestagswahl aufstellen. Und so wird Merkel wohl am Ende Kanzlerin bleiben müssen, weil keiner einen Plan hat, ihre Schmalspurpolitik abzulösen.

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Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.
Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.Foto: promo

Wie nennt man jemanden, der so tut, als ob er etwas wäre, was er gar nicht ist? Hochstapler, Schwindler, Schauspieler, Politiker? Mich irritiert es, wie sich die Parteien und deren Protagonisten im Vorfeld der Bundestagswahl aufstellen. Das lässt in mir aufkeimen, dass so mancher anderes im Sinn hat, als was ins Schaufenster gestellt wird. Ausdrücklich ausnehmen möchte ich hierbei Claudia Roth. Die ist einfach so, wie sie ist. Sie klammert sich mit beiden Händen an das, woran sie tatsächlich inbrünstig glaubt, nämlich das Anprangern von Missständen, ohne strategische oder taktische Gegenvorschläge zu machen. Vielleicht war das ja der Grund, warum sie bei der Mitgliederbefragung knallhart weggewischt wurde. GSDSD – Grüne suchen die Super-Doppelspitze“ – hätte man die Castingshow zur Findung der Kandidaten auch nennen können. Nicht aus basisdemokratischer Überzeugung, sondern weil man sich einfach nicht einigen konnte, ob Jürgen, Claudia, Renate oder Katrin beim Bundestagswahl-Contest 2013 die Partei vertreten darf.

Ganz anders die SPD. „When shall we three meet again“, heißt es bei Macbeth. Heute wissen wir, der eine hatte von Anfang an keinen Bock, der andere keine Chance und der Dritte bald keinen Termin mehr frei, wenn man ihn nicht jetzt und sofort gebucht hätte. Währenddessen übt sich die FDP in Meuchelei. Entweder schaffen Kubicki und Brüderle diese Clearasil-Jungs selbst ab oder der Wähler tut es. Und dann gibt es ja noch die, die sich mit platzenden Kondomen, Shitstorms, gähnender Leere, Arroganz und Zwietracht weggetwittert haben.

Also fassen wir zusammen: Die Grünen treten jetzt mit Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt an. Trittin, als alter Pragmatiker, wird reibungslos unter Merkel arbeiten. Die Kanzlerin knechtet ihn bestimmt nicht wie Schröder, und er kriegt sein politisches Gnadenbrot. Göring-Eckardt ließ sich bei der Agenda 2010 so schnell über den Tisch ziehen, dass sie die dabei entstandene Reibungshitze noch heute als Nestwärme empfindet. Beide sind offen für alles, Hauptsache sie sind dabei.

Wie man als Sozialdemokrat für jemanden wie Peer Steinbrück kämpfen will, der in der großen Koalition für die Bankenrettungen und gegen die Finanztransaktionssteuer war, bleibt mir ein Rätsel. Im Ergebnis stellt sich das für uns wie folgt dar: Die SPD hat null Glaubwürdigkeit und wird sich die nächste Klatsche abholen. Die Grünen machen es mit jedem, die FDP nicht mehr lange und die Linkspartei könnte von alledem profitieren, ist aber so autoritär, besserwisserisch, humorlos und kulturell in Beton gegossen, dass die CSU verglichen mit ihr anarchistische Züge aufweist.

Mein Mitleid gilt der Kanzlerin. Die hat nämlich auch keine Lust mehr. Aber sie wird wohl wieder müssen, weil keiner einen Plan hat, ihre Schmalspurpolitik abzulösen. Oder wie mein Vater sagen würde: „Kedi yetisemedigi cigere mundar der“ – die Katze, die nicht an die Leber herankommt, sagt, die sei schlecht.

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