Portrait : Rainer-Michael Lehmann: „Ein Geist sozialer Kälte“

Vor dem Mauerfall, in West-Berlin, hätte es geheißen: Rainer-Michael Lehmann ist ein netter Sozialliberaler. Jetzt ist der 49-jährige Abgeordnete, der seit 2001 im Berliner Parlament sitzt, bundesweit ins Blickfeld geraten - weil er zur SPD wechseln will.

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Er ist ein Einzelgänger, ein stilles Licht. Rainer-Michael Lehmann gehört zu den Menschen, von denen man annimmt, dass sie keinem etwas zuleide tun. Freundlich und aufmerksam hört er zu, ein versonnenes Lächeln gleitet über das Gesicht, wenn er höflich grüßt. Vor dem Mauerfall, in West-Berlin, hätte es geheißen: Der Lehmann ist ein netter Sozialliberaler. Jetzt ist der 49-jährige FDP-Politiker, der seit 2001 im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt und dort fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit das Volk vertritt, bundesweit ins Blickfeld geraten. Der Sozial-, Jugend- und Gesundheitsexperte kündigte quasi über Nacht an, in die SPD und deren Landtagsfraktion wechseln zu wollen. Das überrascht – und überrascht doch nicht.

Denn Lehmann machte, nicht nur wegen seiner in sich gekehrten Persönlichkeit, häufig den Eindruck, in der FDP verkehrt zu sein. Er stand oft am Rand, auch bei Partei- oder Fraktionsveranstaltungen. Andererseits füllte er bei den Freien Demokraten eine Lücke, er öffnete seine Fraktion hin zum Sozialen, zu einer bemerkenswert liberalen Integrations- und Jugendpolitik. Das machte Lehmann zeitweilig schwer entbehrlich. Immerhin saß er 14 Jahre im FDP-Landesvorstand, ist Bezirkschef in Pankow und war von 2002 bis 2009 stellvertretender FDP-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus. Aber der neue Fraktionschef und künftige Landesvorsitzende Christoph Meyer wollte Lehmann nicht mehr auf wichtigen Posten sehen.

Zwar rollten manche Parteifreunde mit den Augen, wenn der etwas linkische Lehmann ans Rednerpodium trat. Aber er war weitgehend loyal und flexibel, machte seine Arbeit, und da störte es auch nicht, dass der Schriftsetzer aus Ost-Berlin, der bis 1989 in der Druckerei des „Neuen Deutschland“ arbeitete und der LDPD angehörte, mit dieser Biografie nicht so recht zur FDP passte. Aber nie begehrte er wirklich auf. Jetzt auf einmal schimpft Lehmann auf die Überbetonung des Leistungsgedankens und eine Politik der massiven Mittelumverteilung bei den Liberalen. In der FDP-Abgeordnetenhausfraktion, so begründete er den Wechsel zu den Sozialdemokraten, habe sich „ein Geist sozialer Kälte“ breitgemacht. Angeblich spielte Lehmann schon länger mit dem Gedanken, der FDP den Rücken zu kehren. Der erste Dissident ist er übrigens nicht. Der frühere FDP-Landeschef Martin Matz kam 2005 zur SPD und wurde ein Jahr später Sozialstadtrat in Spandau.

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