Der Tagesspiegel : Missbrauch in der Erlösergemeinde?

In Potsdam sollen Jugendliche missbraucht worden sein. Heute diskutieren die Gläubigen darüber

Claus-Dieter Steyer

Potsdam. Der heutige Gottesdienst in der Potsdamer Erlöserkirche wird die erwarteten ungewöhnlich vielen Besucher mit Sicherheit aufwühlen, nachdenklich stimmen und gewiss auch wütend machen. Denn er dreht sich vorwiegend um ein Thema: sexueller Missbrauch von Kindern unter dem Dach der Kirche. Nach dem Gottesdienst ist eine Diskussion der Kirchengemeinde vorgesehen. „Da wird es bestimmt hoch hergehen“, vermutet Pfarrer Martin Kwaschik.

Auslöser der Aufregung ist der ehemalige Angestellte der Erlöserkirchengemeinde. Er soll ein regelrechtes Doppelleben geführt haben. Auf der einen Seite war er der umsichtige und hilfsbereite Mitarbeiter, der Kirchendiener für alle Fälle und nicht zuletzt der Freund der Kinder in der auf dem Gelände befindlichen evangelischen Kindertagesstätte. Doch der seit mehr als 30 Jahren und selbst nach seiner Pensionierung im Dienste der Kirche arbeitende Mann soll sich in seiner Arbeitszeit und nach Feierabend an Minderjährigen vergriffen haben.

Entsprechende Verdächtigungen wurden jetzt untermauert. Superintendent Bertram Althausen machte öffentlich, dass sich ein heute 30 Jahre alter Mann gemeldet habe, der vom „jahrelangen sexuellen Missbrauch und der Anwendung psychischer Gewalt“ durch den Kirchenmitarbeiter berichtete. Die Vorfälle ereigneten sich bereits in den achtziger Jahren. Dem seien Gespräche mit den beiden Pfarrern und dem Vorsitzenden des Gemeindekirchenrates gefolgt. Dabei soll der Mann die Vorwürfe teilweise zugegeben haben, sagte Pfarrer Kwaschik dem Tagesspiegel. Er musste daraufhin seine Wohnung auf dem Kirchengelände räumen. „Wir haben ihm eine Wohnung außerhalb Potsdams vermittelt“, sagte Pfarrer Kwaschik.

Schon vor drei Jahren habe es Ärger mit Gerüchten um den Mitarbeiter gegeben, sagte der Pfarrer weiter. Damals hätten Kinder aus dem Kirchenkindergarten ihren Eltern von „merkwürdigen und auch intimen Berührungen“ erzählt. Er durfte das Gelände der Kindertagesstätte nicht mehr betreten und sollte sich von den Kindern fern halten. Er hielt sich aber nicht immer daran, worauf sich Eltern massiv beschwerten. Nach den neuen Entwicklungen hört Pfarrer Kwaschik erneut Vorwürfe von den Eltern, dass „wir Pfarrer nicht konsequenter gegen den Mitarbeiter vorgegangen seien und nicht auf Warnungen gehört hätten“.

Strafrechtliche Konsequenzen hat er laut Pfarrer Kwaschik wohl nicht zu befürchten: „Nach Mitteilung der Opferberatungsstelle sind die in den achtziger Jahren begangenen Taten verjährt.“ Deshalb sei auch keine Anzeige bei der Polizei gestellt worden. Doch die könnten Eltern stellen, deren Kinder erst kürzlich mit dem Mitarbeiter Kontakt hatten. Einige haben schon angekündigt, sich noch einmal intensiv mit ihren Sprößlingen darüber zu unterhalten und sich danach juristisch und psychologisch beraten zu lassen. Viel wird vom Verlauf des heutigen Gottesdienstes und der anschließenden Aussprache abhängen.

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