Der Tagesspiegel : Mit Propeller übers Wasser

Ein Architekt aus Berlin will mit einem Airboat Touristen an die Oder locken. Doch Anlieger befürchten zu starken Lärm und Besuchermassen

Matthias Matern

Letschin - Der Anlass für den Streit, der seit drei Monaten in Groß Neuendorf die Gemüter erhitzt, steht versteckt unter einer weißen Kunststoffplane in einem Schuppen am Hafen. Es ist ein sogenanntes Airboat, ein Wasserfahrzeug, das mit einem auf dem Heck sitzenden Propeller betrieben wird. Wie in den USA, wo Wildhüter mit dem Airboat Touristen in die Everglades bringen, soll das gut 400 PS starke Gefährt auch an der Oder künftig Ausflügler anlocken. Doch kaum war Miteigentümer Jens Plate mit dem Airboat im Februar zu einer ersten Testfahrt aufgebrochen, begann der Widerstand.

„Eine kleine Fraktion von Zugereisten“, sagt der ebenfalls zugereiste Plate. Er ist Architekt und hat bereits vor Jahren die alte Hafenanlage umgebaut. Damals konnte Plate mit seiner Idee die Gemeinde begeistern, Fördergelder wurden bewilligt. Nun aber wurde die Idylle empfindlich gestört, bei einigen stößt Plates neue Idee auf Ablehnung: Das Boot sei zu laut, zu gefährlich, passe nicht in die Landschaft und zerstöre die Natur, protestieren die Gegner.

Widerspruch kommt vor allem von Anliegern wie dem Töpfer Manfred Dannegger, der wenige Meter vom Hafen eine Werkstatt betreibt: „Ich bin grundsätzlich für alles, was den Tourismus fördert, aber nicht, wenn es so einen Eventcharakter hat“, sagt Dannegger, der früher als Kapitän über die Weltmeere steuerte. Es sei auch eine Gefühlssache, räumt er ein, ein Airboat passe einfach nicht an die Oder. Erholungssuchende Touristen würden durch den Lärm eher abgeschreckt. „Das ist, als wenn ein Hubschrauber knapp über der Wasseroberfläche fliegt“, sagt Dannegger.

Solche und ähnliche Vergleiche bekommt Plate oft zu hören. Schlagworte wie „Ballermann-Tourismus“ oder „Mega-Lärm“ würden von den Gegnern absichtlich gebraucht, um das Projekt schlecht zu machen, vermutet der 39-Jährige. „Alles Quatsch“, sagt er. Spezielle Schalldämpfer seien montiert. Damit sei das Airboat leiser als mancher Rasenmäher, und die erlaubten Lärmgrenzen würden eingehalten. Auch von Massentourismus sei keine Rede. Vorstellen könnte er sich ein Angebot, das für Besucher nach Bedarf per Telefon abrufbar wäre.

Den Vorwurf der Gefährdung von sensibler Flora und Fauna kontert Plate mit einem Fernsehbericht über die Everglades, wo Wildhüter Airboats dicht an Alligatoren und Wasservögel steuern, ohne die Tiere zu verschrecken. „Außerdem ist das Fahrzeug eine spezielle Anfertigung gemäß europäischer Normen. Ein Prototyp sozusagen.“ Alle Auflagen würden erfüllt. „Bei einer der Testfahrten waren außerdem Vertreter mehrerer Behörden, zum Beispiel vom Landesumweltamt, der Wasserschutzpolizei und vom Wasser- und Schifffahrtsamt Eberswalde anwesend.“ Eine beantragte einstweilige Verfügung gegen die Proberunden durch die Gegner sei vom Verwaltungsgericht Frankfurt (Oder) abgelehnt worden.

Unterstützt wird das Vorhaben vom Verein Deutsch-Polnische Regionalentwicklung. Dessen Geschäftsführer Wolfgang Skor sieht im Airboat-Konzept eine Möglichkeit, auf der schwer schiffbaren Oder die Fahrgastschifffahrt im kleinen Rahmen wieder zu beleben. Doch die Front der Kritiker wächst. So hat sich nun auch der Brandenburger Bundestagsabgeordnete Peter Hettlich (Bündnis 90/Die Grünen) eingeschaltet. „Airboats haben auf Bundeswasserstraßen nichts zu suchen. Die Oder und ihre angrenzenden Wiesen sind kein Abenteuerspielplatz, sondern ein europäisches Vogelschutzgebiet“, sagt er.

Es sei nie geplant gewesen, in Rambomanier durchs Schilf zu heizen, antwortet Plate. Er habe lediglich etwas für die Entwicklung der Region tun wollen – doch seine anfängliche Euphorie sei mittlerweile mächtig gedämpft.

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