Der Tagesspiegel : Mühsame Wahrheitsfindung 21 Verhandlungstage, 22 Zeugen – aber der Prozess

gegen die XY-Bande kommt nicht recht voran

Claus-Dieter Steyer

Neuruppin - Die junge Frau fuhr trotz schwerer Schmerzen im Unterleib von Dresden nach Neuruppin. Hier sollte sie gestern als Zeugin im Prozess gegen die XY-Bande aussagen, deren neun mutmaßliche Drahtzieher sich seit Anfang Mai im größten Brandenburger Prozess gegen die organisierte Kriminalität verantworten müssen. Für den Termin hatte Steffi I. sogar die Anordnung ihres Arztes zur Bettruhe nach einer Operation ignoriert. „Ich will die Angelegenheit endlich hinter mich bringen“, sagte die 20-Jährige zu Beginn ihrer Aussage.

Vor sechs Jahren kam die Frau mit Drogen in Kontakt. In einem von einem Sozialprojekt betreuten „Haus für junge Mädchen“ in Neuruppin habe sie zuerst gekifft, dann Ecstasy, LSD und schließlich Kokain konsumiert. Pro Woche seien von ihr und ihren Bekannten jeweils vier bis fünf Gramm gekauft worden. Als Lieferanten benannte sie zwei im Gerichtssaal sitzende Angeklagte, darunter den als Chef der Bande im Mittelpunkt stehenden Olaf K. Doch dann musste sie die Aussage abbrechen. Die vom langen Drogenkonsum gezeichnete Zeugin krümmte sich vor Schmerzen und verließ den Gerichtssaal.

Von Schicksalen wie dem der heute arbeitslosen Frau hörten die Richter im Laufe der bisherigen 21 Verhandlungstage des Prozesses häufiger. Zahlreiche der 22 Zeugen bestätigten, dass die Bande zwischen 1999 und einer Razzia im August vergangenen Jahres Neuruppin mit einem dichten Netz aus Kokainhandel, illegalem Glücksspiel und Gewalt überzogen hatte. Doch in der Stadt, wo fast jeder jeden kennt, nahm niemand Anstoß an den Hinweisen auf Kokainverkauf auch an Minderjährige und andere Delikte.

Eher das Gegenteil war der Fall. Olaf K., der in einem Teilgeständnis den Handel mit insgesamt 22 Kilogramm Kokain und einen Gewinn von 250000 Euro einräumte, stieg zum größten Immobilieneigentümer, zum Finanzier des Fußballlandesligisten Union, zum Chef eines Yachthafenprojektes und zum CDU-Stadtrat auf. Er versteckte selbst den Drogenhandel nicht, sondern nutzte als Umschlagsplatz die Bar „Blue Banana“ mitten im Zentrum. Alles ist von dort schnell zu erreichen – Polizei, Rathaus und die beiden örtlichen Zeitungsredaktionen. Nach der Razzia im August 2004 verblüffte zunächst die hohe Zahl von rund 100 Personen, gegen die Ermittlungen liefen. Der Prozess zeigte aber dann, wie weit die Bande im öffentlichen Leben Neuruppins verankert war. Sie kungelte unter anderem mit zwei Rathausmitarbeitern, einem Polizisten und einem Rechtsanwalt.

Wie mühsam die Staatsanwaltschaft vorankommt, zeigt ihre gestrige Mitteilung zum „XY-Komplex“: Ein 37-jähriger Geschäftsmann musste erst am Freitag in Untersuchungshaft. Er sei maßgeblich am illegalen Glücksspiel in acht Spielotheken beteiligt gewesen sein und habe Steuern in ganz erheblichen Umfang hinterzogen.

Der XY-Prozess ging gestern bis zum 9. August in die Sommerpause. Mit einem Ende in diesem Jahr wird nicht mehr gerechnet.

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