Der Tagesspiegel : Neue Mieter

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ClausDieter Steyer plädiert für die Vergabe von leeren Wohnungen an Polen

Es klingt schon heute merkwürdig, doch nach dem 1. Mai ist es absurd: Während auf der einen Seite des Flusses Zehntausende Wohnungen abgerissen werden, suchen auf der gegenüberliegenden Seite Hunderte Familien nach einer Bleibe. Beide Ufer gehören nach dem nächsten Wochenende zwar zur EU, aber in der deutsch-polnischen Grenzregion ändert sich an dieser höchst merkwürdigen Situation nichts. Dabei würden die polnischen Familien liebend gern in die leeren Wohnblöcke oder Häuser von Schwedt, Frankfurt (Oder), Guben, Forst oder Görlitz ziehen, um zur Arbeit über die Neiße oder die Oder in ihre Heimatorte zu fahren. Doch sie können sich die Mieten nicht leisten. Andererseits verlassen die Menschen an den deutschen Ufern scharenweise ihre Heimat, um weiter westlich nach Jobs, einer Ausbildung oder einer besseren Bezahlung zu suchen. Ihre Wohnungen bleiben leer, verfallen und kommen schließlich auf die schwarze Liste: kein Bedarf, also Abriss.

Die Reaktionen in den betroffenen Städten, deren Gesellschaften die meisten Wohnungen verwalten, fällt recht zwiespältig aus. Denn es geht Eigentum in hohem Ausmaß verloren, jeder hat den Rückgang der Einwohnerzahl unmittelbar vor den Augen, und nicht zuletzt sinkt mit jedem Wegzug die Einkommenssteuer im Stadtsäckel. Der Kreislauf des Niedergangs beginnt: Schulen, Geschäfte, Kneipen und Behörden schließen, und am Ende lohnt sich nicht einmal eine Bus- oder Straßenbahnlinie in die einst beliebten Bezirke. Da hält sich die Freude über eine grüne Wiese, auf der einst ein Elfgeschosser stand, doch in Grenzen.

Eine ganz andere Tendenz weisen polnischen Grenzorte wie Slubice, Zielona Gora oder das nur einen Katzensprung von Schwedt entfernte Stettin auf. Dort wächst die Bevölkerung dank einer erstaunlich hohen Geburtenrate. Aber eine Wohnung oder ein Eigenheim lassen sich nur schwer finden. Es wäre also naheliegend, die Schlüssel der freien Wohnungen auf der deutschen Seite polnischen Interessenten zu übergeben. Das würde nicht nur gigantische Summen für den Abriss der Plattenbauten sparen, die Städte würden wieder Leben erhalten. Hier beginnt das Kopfschütteln: Weil sich die Polen die Mieten nicht leisten können, werden die Wohnungen abgerissen. Bislang konnte dieser Zustand mit den Unterschieden zwischen einem EU- und einem Nicht-EU-Mitglied erklärt werden. In fünf Tagen ist es damit vorbei. An Ideen fehlt es auf beiden Seiten nicht: Polnische Unternehmen könnten Wohnblöcke übernehmen, renovieren und sie an Landsleute vermieten. Die deutschen Verwalter könnten sich umgekehrt um Subventionen für ihre neue Mieter bemühen.

Es ist den Bürgermeistern auf beiden Seiten von Oder und Neiße nur Glück bei ihrem Pilotprojekt zur deutsch-polnischen Wohnungsvergabe zu wünschen. Es wäre ein echter Prüfstand für die spätestens am Sonnabend von den Politikern in höchsten Tönen beschworenen Vorteile der größeren EU.

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