Der Tagesspiegel : Neuhardenberg: "Ein Traum, was sonst?"

Claus-Dieter Steyer

Die ursprüngliche Einladung war knapp und den Einheimischen vorbehalten: Sie können heute erstmals das drei Jahre lang renovierte und umgebaute Schloss Neuhardenberg am Rande des Oderbruchs besichtigen. Doch dann kam alles anders: Aus der ursprünglich geplanten Eröffnungsfeier mit dem Bundeskanzler wurde ein schlichter "Tag der offenen Tür" - und zwar für jedermann. Ob allein die aktuellen Ereignisse in den USA zur Programmänderung führten, blieb offen.

Auch wenn zu der heutigen Veranstaltung nun alle Interessierten Zutritt erhalten, findet die offizielle Eröffnung des "Gesamtensembles" erst im Mai kommenden Jahres statt. Bis dahin solle die Spannung möglichst erhalten bleiben, sagte eine Sprecherin der Schlösserstiftung Neuhardenberg. Und also werden heute zwischen 15 und 19 Uhr nur Ausschnitte gezeigt - Motto der Veranstaltung: "Ein Traum, was sonst?"

Die Veranstalter rechnen mit großem Andrang von Neugierigen, die um die Besonderheit des Besuchstermins wissen. Neuhardenberg soll kein öffentliches Museumsschloss werden - wie aus Potsdam, Rheinsberg, Oranienburg oder Königs Wusterhausen bekannt. Stattdessen baut es der Deutsche Sparkassen- und Giroverband für mehr als 100 Millionen Mark zu einer Begegnungsstätte für Politik, Wirtschaft und Kultur mit nationaler und internationaler Ausstrahlung aus. Besonderes Augenmerk soll dem Dialog zwischen West- und Osteuropa zukommen. "Da wird später sicher viel abgesperrt", mutmaßt eine junge Frau, die einen Kinderwagen durch den Park schiebt. "Deshalb wollen wir heute unbedingt ins Haus".

Mit Glück trifft sie dort sogar auf die eigentlichen Hausherren. Die Kinder des letzten Schlossbesitzers Carl-Hans von Hardenberg erhielten das Gebäude nach der Wende zurück. Von Hardenberg war zweimal enteignet worden - als Verschwörer des Hitler-Attentates am 20. Juli 1944 und im Zuge der Bodenreform nach 1945. Auf Neuhardenberg hatte sich mehrmals der adlige und militärische Widerstand um von Tresckow und Stauffenberg getroffen, um sowohl über den Anschlag auf Hitler als auch über die Neuordnung nach der Diktatur zu sprechen. Nach dem missglückten Attentat wurde der Graf durch die Gestapo verhaftet und ins KZ Sachsenhausen gebracht. Der Vormarsch der Roten Armee verhinderte den Prozess. Ein Museum soll künftig an die Männer der 20. Juli in Neuhardenberg erinnern.

Die DDR zog einen rigorosen Schlussstrich unter die adlige Vergangenheit. Der Ort erhielt den Namen Marxwalde, obwohl der kommunistische Vordenker nie etwas mit diesem Flecken am Hut hatte. Dafür bestimmten Uniformen über Jahrzehnte das Bild, denn die NVA richtete am Dorfrand einen ihrer größten Flugplätze ein. Plattenbauten entstanden, deren Wohnungen heute massenhaft leer stehen. Seit 1990 steht wieder der alte Name auf den Ortsschildern. Die Hardenberg-Enkel wohnten Anfang der neunziger Jahre nur kurze Zeit in dem klassizistischen Schloss. Der Unterhalt war zu teuer, so dass sie den Verkauf an die Sparkassenorganisation in die Wege leiteten. Diese ließ zuerst die Plattenbauten abreißen, die den freien Blick auf das Schloss versperrten. Die Mieter erhielten neue Wohnungen, so dass auch für sie das neue Schloss zu einem "Traum - was sonst?" werden konnte.

Neuhardenberg ist über die Bundesstraße 1 Berlin-Seelow oder von Frankfurt (Oder) über die B 112 und B 167 zu erreichen.

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