Alfred Neven DuMont - ein Nachruf : Patrizier und Patriarch

Wie konnte er sich empören, noch in hohem Alter. Über Mittelmaß und Kleingeisterei. Er mischte sich ein, und sein Wort zählte. Besonders in Köln. In dieser Stadt war er in seiner Größe unübersehbar. Zum Tod des Verlegers Alfred Neven DuMont.

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Alfred Neven DuMont, Verleger.
Alfred Neven DuMont, Verleger.Foto: dpa

Es gibt diese Stadt noch. Diese ehrwürdige, alte, mit den hohen Mauern und Patrizierhäusern, die am großen Strom entlang führen, einem Schicksalsstrom der Deutschen. Diese Stadt, die die Menschen dort das „Rom des Nordens“ nennen, weil keine Diözese der Katholiken so wichtig wie diese ist, nach Rom. Eine Handelsstadt, die man einmal die „Primadonna der Hanse“ nannte. Mit einer Kathedrale, die Macht ausstrahlt und ihre Schatten wirft, die große Herren angezogen hat und große Heere, die der Franzosen, der Preußen.

Noch heute kündet manches davon. In der Kirche selbst zeigen Altäre und Fenster und Nischen und Bänke und ausgetretene steinerne Pfade die uralte Geschichte und die Geschichten der Familien. Overstolz und Boisseree, Namen, die man hier noch kennt, und werden sie genannt, in den eingeweihten Kreisen, dann weht die eine Erinnerung an: an die Bedeutung vergangener Zeiten. Große Söhne hatte die Stadt. Einen, dessen Name einer der Patrizier ist, ein Nachfahre, der wollte, dass die Erinnerung an dieses Große, Mächtige, Heilige auf ewig weiterlebt und nicht wie ein Moosgeflecht in einem Wald der Tristesse versinkt, hat Köln jetzt verloren: Alfred Neven DuMont.

Er war Patrizier und stolz darauf. Er lebte es. Schon die Haltung zeigte das, die körperliche, aber auch die andere. Er war groß und hielt sich entsprechend. Alfred Neven war der, auf den die Menschen dieser Stadt blickten wie auf keinen Zweiten. In seiner Größe war er unübersehbar. Und ja, er sorgte dafür, dass es keiner übersehen konnte. Sein Wort zählte, in jeder Hinsicht. Er war Patrizier – und Patriarch, nicht nur der seines Unternehmens, sondern der Stadt, die er sah wie wenige noch.

Alfred Neven DuMont, am 29. März 1927 in Köln als Sohn des Zeitungsverlegers Kurt Neven DuMont und dessen Frau Gabriele geboren, entstammt einer Dynastie. Dieses Wort würde ihm, der zeitlebens mit Wörtern umzugehen verstand, gefallen. Denn der Stammbaum der Familie weist schon im 17. Jahrhundert einen aus, der Verleger war. Mehr als 200 Jahre alt ist der Verlag heute, er war der Chef in elfter Generation. Und ein Stamm wollte auch er sein, einer, an dem sich notfalls die Stadt, die arme, schwierige, geschundene aufrichten konnte. Alfred Neven fühlte das, was kam, eher als andere, und er fühlte noch im hohen Alter mit ihr. Wie konnte er sich empören über Mittelmaß, über Dreck und Müll und schlechte Architektur, über Kleingeisterei.

Raubeinig genug konnte er werden

Dann schrieb er einmal wieder, und nicht selten sorgte er damit für Erschrecken, nicht nur in den Redaktionen, sondern bei denen, die glaubten, sie regierten die Stadt. Dass ein Oberbürgermeister nach dem Einspruch seines Oberbürgers die Ratsfraktionen zusammentrommelte, ist keine Legende. Dass er der Stadt eine neue Kulturdezernentin aus einer seiner Redaktionen schickte, ist eine so gute wie wahre Geschichte.

Er verstand etwas von der Sache, von Kultur und der Kultur der Macht. Raubeinig genug konnte er werden, seiner selbst gewiss, wie Patriarchen werden können, wenn es keine anderen gibt. Aber streiten konnte er, und er, ja doch, mochte Widerspruch. In der gebotenen Form. Die er bestimmte. Jähzornig konnte er sein, „der Alte“, „Sir Alfred“, der „Zar“, aber ebenso jäh konnte sich sein Zorn in Charme auflösen. Ein richtiger Widder, wie ihn seine Frau Hedwig, eine gebürtige Prinzessin, einmal beschrieb. Seine Mutter hat ihm wohl diese sinnliche Seite, das Künstlerische mitgegeben, das ihn auszeichnete; sie war die Tochter des Münchner Malers Franz von Lenbach.

München! Oh ja, da war er auch, und auch aktiv, nach dem Abitur studierte er dort Philosophie, Geschichte, Literatur, volontierte bei der „Süddeutschen Zeitung“. Bei Axel Springer, nicht zu vergessen, auch. Ein Jahr verbrachte er Anfang der 50er des vorigen Jahrhunderts in Chicago, Journalismus studierend.

Was aussieht wie ein gerader Weg an die Spitze des Verlages, der deutschen Verlegerei, deren Präsident er für Jahre wurde, war vielleicht für Neven nur die zweite Bühne: Schauspieler wollte er werden, war es auch, er trat in den Münchner Kammerspielen auf. Und auch da gab es Große um ihn herum, Paul Verhoeven zum Beispiel.

Dann war es doch der Journalismus, der ihm die Bühne seines Lebens bot. Mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, den er entstaubte (und ihm zugleich die Kleinanzeigen besorgte), mit dem „Express“, einer Kaufzeitung, die Boulevard auf Rheinisch buchstabierte. Er hatte diesen Sinn, er wusste, wie man auftritt, was ankommt. Aus einer Sportzeitung wurde mithilfe eines knorrigen Chefredakteurs, Helmut Eickelmann, eines Patriarchen eigener Art, eine lokale Konkurrenz für die „Bild“-Zeitung. Die gerne mit der „Abendzeitung“ des Süddeutschen Verlags zusammenarbeitete. Und Alfred Neven tanzte mit Verlegerin Anneliese Friedmann. Lange gehörte ihm ein stattlicher Anteil auch an dieser Zeitung.

Dann kam er in die Konferenz und redete mit

Ihm gehörte viel, in Köln später auch ein zunehmend größerer Teil der „Kölnischen Rundschau“, er erwarb noch mehr, nach der Wiedervereinigung in Halle in Sachsen-Anhalt eine ehemalige SED-Zeitung, die heute als „Mitteldeutsche Zeitung“ zu einer der großen Regionalzeitungen geworden ist. Und die „Berliner Zeitung“. Und die „Frankfurter Rundschau“, an deren Neuaufbau er glaubte. Er wuchs und wuchs, bis hinein nach Israel: Die Zeitung „Haaretz“ kam dazu, von seinem Freund Avi Primor empfohlen, dem ehemaligen Botschafter. Seine Größe war ja auch immer politisch. Seine Nähe zur FDP, seine guten Kontakte zu deren Führung, zu Hans-Dietrich Genscher, zu Walter Scheel, zu Gerhart Baum, war bekannt, und sie passte zu ihm. Neven, das Haus Neven DuMont, hält sich viel zugute auf seine liberale Grundhaltung. Sie bestimmt die Haltung der Redaktionen. Wenn nicht gerade Alfred Neven in den Redaktionen etwas bestimmen wollte.

Dann kam er in die Konferenz und redete mit. Ließ mit sich reden. Um dann das zu schreiben, was er sich vorgenommen hatte. Ob er den Kirch-Sendern CDU-Lastigkeit vorwarf oder dem WDR SPD-Lastigkeit, dem WDR, immerhin der größten Rundfunk- und Fernsehanstalt Festland-Europas mit Sitz in Köln. Angst hatte er keine, Gegner mussten seiner schon würdig sein. Redigatur war möglich, nur nicht einfach. Denn er konnte sich ja streiten. Sogar jüngste Redakteure konnten widersprechen, nur merkte er es sich. Über Jahre. Um sich dann über die Erinnerung zu streiten.

Alfred Nevens Bedeutung wuchs immer weiter, lange schon über Köln hinaus. Er ist hoch geehrt, mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern, mit Ehrenmitgliedschaften bei den Verlegern, er war Honorarprofessor der Universität Halle-Wittenberg. Der Verlag ist an vielem beteiligt, Hörfunk, Fernsehen, Online, hat tausende Mitarbeiter, hunderte Millionen Umsatz. Er baut um, es wird saniert.

Er ist angesehen, hierzulande, im Ausland, nicht zuletzt in Israel, wo Neven sich selbst sehr engagiert hat, darin Axel Springer, dem Zaren vor ihm ähnlich. Auch Neven ist Stifter dort, so für einen Lehrstuhl für europäische Studien in Herzlia, und zwar nicht aus schlechtem Gewissen, weil seine Familie sich für antijüdische Gesinnung in Grund und Boden schämen müsste. Die Haltung war schon aufrecht. Alfred, der Junge, suchte auch Schutz vor Hitlers Schergen, an der Lahn, im Haus einer anderen Kölner Patrizierfamilie.

Nur der Übergang zur zwölften Generation an die Spitze des Verlags – der wollte nicht so recht gelingen. Mit dem eigenwilligen Sohn Konstantin überwarf er sich, der Aufsichtsrat wird inzwischen von Christian DuMont-Schütte geführt, stammend vom anderen Ast der Familie, der zu 50 Prozent beteiligt ist. Dessen Stellvertreterin ist Nevens Tochter Isabella. Sein Name wird so oder so weiterleben. Der Name einer Patrizierfamilie, mit einem Stammbaum, der Köln entspricht, und deren größter Spross, Alfred, natürlich Ehrenbürger der Stadt war. Ihr Oberbürger. Gesucht und gefragt bis zuletzt. Das war, als die Industrie- und Handelskammer jüngst einen neuen Präsidenten suchte.

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