Politik : BSE: Schmerzhaft, aber nötig

Lars Törne Bernd Hops

Gerd Sonnleitner steckt in einem Dilemma. Einerseits hat der Präsident des Deutschen Bauernverbandes Verständnis für die Tötung von Rindern aus BSE-Ställen - auch gegen den Widerstand der betroffenen Bauern. "Die Öffentlichkeit will in der angespannten Situation wissen, ob weitere Rinder des jeweiligen Bestandes betroffen sind", sagte Sonnleitner dem Tagesspiegel am Mittwoch. "Deswegen gibt es momentan keine andere Möglichkeit als die Tötung aller Tiere der betroffenen Höfe." Andererseits, so Sonnleitner, müsse man in Deutschland im Interesse der Bauern schnellstens prüfen, ob man wie in der Schweiz nur betroffene Rinder tötet und nicht mehr die ganze Herde. Zwar gebe es Hilfsfonds, die die Bauern entschädigten. "Aber insgesamt leidet die Landwirtschaft enorm unter diesen Maßnahmen", sagte Sonnleitner.

Skeptisch äußerte sich der Bauernpräsident zur Forderung des EU-Agrarkommissars Franz Fischler, der angesichts der BSE-Krise eine Rückkehr zu natürlichen Produktionsformen gefordert hatte. "Wir haben uns stets bemüht, nachhaltig sowie umwelt- und tierschonend zu wirtschaften", sagte Sonnleitner. Aber die Nachfrage der Verbraucher sei nun einmal "sehr gering" gewesen. Wenn sich das jetzt im Zuge der BSE-Krise ändere, dann stellten sich auch die Bauern darauf ein, so Sonnleitner.

Auch Vorkämpfer des ökologischen Landbaus wie der Vorsitzende des Verbandes Bioland, Thomas Dosch, sehen Äußerungen wie die von Fischler mit gemischten Gefühlen. Allerdings aus einem gegensätzlichen Grund wie Sonnleitner: Es sei zu befürchten, dass es bei bloßen Lippenbekenntnissen bleibe. So habe auch Kanzler Schröder zwar kürzlich medienwirksam gefordert, aus der agrarindustriellen Produktion auszusteigen. "Aber kurz danach haben er und Landwirtschaftsminister Funke schon wieder einen Rückzieher nach dem anderen gemacht", kritisiert Dosch, dessen Verband bundesweit rund 3500 Öko-Betriebe vertritt. Außerdem gebe es massiven Widerstand der "Agrarlobby" gegen eine grundlegende Reform, wie Dorsch sagt. "Funktionäre wie Bauernpräsident Gerd Sonnleitner fordern, man müsse alles kontrollieren. Aber was am System der industriellen Produktion verändert werden soll - davon reden sie nicht."

Auf Ablehnung stieß am Mittwoch zudem der Vorschlag von Sonnleitner, an BSE erkrankte Tiere zu klonen, um so mehrere infizierte Rinder gleichzeitig beobachten zu können. Eckard Wolf von der Universität München hatte dies in der vergangenen Woche angeregt. Forschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) wollte den Vorschlag nicht aufgreifen. Sie verwies darauf, dass es bei den zahlreichen BSE-Fällen in Europa genug Daten für die Forschung gebe. Beim Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin war man ebenfalls skeptisch. Sprecher Jürgen Kundke sagte dem Tagesspiegel: "Klonen würde nur etwas bringen, wenn es eine genetische Veranlagung für BSE gebe." Dies sei aber noch ein weißer Fleck in der Forschung. Derzeit könne man kaum davon ausgehen, dass der Klon eines BSE-Rindes die Krankheit automatisch ebenfalls entwickelt. "Sinnvoller wäre es, sich auf die Entwicklung von Tests am lebenden Tier zu konzentrieren." Eine Erfolgsgarantie gibt es allerdings auch da nicht.

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