Politik : Bulgarien: Einmal König, immer König?

Stephan Israel

Fast scheint es, als wäre Bulgariens früherer König im letzten Moment doch etwas über die neue Last der Verantwortung erschrocken. Im grellen Licht der Fernsehkameras wirkt Simeon II. gar schüchtern und nicht wie der strahlende Sieger. Eigentlich hätte der ehemalige Monarch auch in der Wahlnacht gerne darauf verzichtet, in die Niederungen der Politik hinunter zu steigen. Wohl oder übel muss der Chef der siegreichen Nationalen Bewegung Simeon II. im Wahlzentrum im ehemaligen Kulturpalast in der Reihe der Parteiführer antreten.

Selbst die Journalisten tun sich mit dem blaublütigen Quereinsteiger etwas schwer. Es beginnt schon mit der Anrede. Die Vorsichtigeren adressieren sich an "Seine Majestät". Wer jedoch nach der geschlagenen Wahlschlacht Aufklärung über die persönlichen Pläne des Ex-Königs erhofft hatte, wird einmal mehr enttäuscht. Wie schon im Wahlkampf glänzt Simeon II. mit Ausflüchten und Worthülsen. "Ich habe den Willen und die Bereitschaft, meine Wahlziele zu erfüllen", erklärt der 64jährige vage.

Strebt der Chef der siegreichen Bewegung nun nach dem Amt des Premierministers? Simeon II. will noch keine "Prognose" wagen und zuerst mit möglichen Koalitionspartnern sprechen. Die 43 Prozent der Stimmen reichen genau für die Hälfte der 240 Sitze und zur Pattsituation im Parlament. Die türkische Minderheitspartei (DPS), die auf knapp sieben Prozent der Stimmen kommt, und selbst Teile der Union der Demokratischen Kräfte (UDF) des bisherigen Premiers Iwan Kostow sind als Partner im Gespräch. Der Ex-König könnte auch versucht sein, bei den Präsidentenwahlen im Herbst gegen Petar Stojanow anzutreten.

Der amtierende Präsident ist aber im Gegensatz zur abgewählten Regierung sehr populär, und dann gibt es da noch eine andere Hürde: Ein Kandidat muss laut Verfassung die letzten fünf Jahre in Bulgarien gelebt haben, eine Bedingung, die der Spätrückkehrer aus dem spanischen Exil nicht erfüllen kann. Simeon II. braucht eine Zweidrittels Mehrheit im Parlament, um den entsprechenden Verfassungsartikel zu ändern. Auch über weitergehende Pläne wird in Sofia spekuliert: Simoen II. hat im Wahlkampf von ominösen 800 Tagen gesprochen, innerhalb derer seine Regierung das Leben der Bulgaren "verbessern" will. Nach erfolgreichem Ablauf dieser knapp zwei Jahre könnte der Ex-König die Umwandlung der Republik in eine konstitutionelle Monarchie vorschlagen.

Pessimistische Beobachter bezweifeln jedoch, dass das Experiment des blaublütigen Amateurpolitikers ein gutes Ende nehmen wird: Im Labyrinth des Sofioter Kulturpalast prognostiziert der renommierte Sofioter Politologe Iwan Krastew dem Land in der Wahlnacht eine Periode der "erhöhten Instabilität". Die heterogenen Nationalen Bewegung Simeon II. könnte schon bald auseinander brechen und vorgezogene Neuwahlen könnten nötig werden. "Nach diesem Tag ist Bulgarien ein anderes Land", lässt sich der Ex-König in der Wahlnacht von den Skeptikern nicht beirren: "Wir werden zusammen den Weg der spirituellen Erneuerung gehen".

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