Politik : Das eigene Haus anzünden

STEPHAN ISRAEL

KOSOVO POLJE . Im Café Romanza herrscht Abschiedsstimmung. Auf der Terrasse vor dem Lokal sitzt eine Gruppe von Soldaten aus Panzer- und Infanterie-Einheiten. Aus den Lautsprechern dröhnen serbische Schlager, und auf den Tischen stehen die Gläser, randvoll mit Raki gefüllt. Nach drei Monaten Krieg gegen einen unsichtbaren Feind geht es nach Hause.

Man hat eine Schlacht verloren, doch man will die Niederlage nicht ohne weiteres eingestehen. "Hätten sich die Politiker nicht eingemischt, hätte es hier viele tote Nato-Soldaten gegeben", trumpft Nebojsa Cvetic auf. Der junge Offizier hätte gerne noch zehn Jahre gegen die Nato weitergekämpft. Das sagt er zumindest gegenüber den ausländischen Journalisten. Seine Einheit, behauptet er laut, habe keinen einzigen Panzer verloren.

Ein Kollege von der Infanterie nimmt den Mund nicht so voll. Zwei Monate lang habe er sich mit seiner Einheit im Wald vor den Nato-Flugzeugen verbergen müssen. Im Versteck unter den Bäumen gab es kaum Nahrung und nur selten Wasser. Und zwei Monate lang wußten die Eltern, Gastarbeiter im fernen Salzburg, nicht, ob der Sohn noch lebte oder ob er schon tot war. Jetzt bittet er um das Mobiltelefon, um zu Hause seine Entlassung und die baldige Ankunft ankündigen zu können.

Der Lärm aus dem Lautsprechern im Café Romanza wird nur vom Rattern der schweren Kettenfahrzeuge übertönt, die draußen vorbeifahren. Gleich vor der Terrasse, auf der vierspurigen Hauptstraße von Kosovo Polje, einem Vorort von Pristina, zieht eine scheinbar endlose Kolonne von Panzern vorbei. Kinder, die entlang der Straße stehen, werfen den abziehenden Soldaten Blumen zu. Kosovo Polje vor den Toren von Pristina ist eine der wenigen serbischen Hochburgen im Kosovo. Die Soldaten auf den Panzern winken zurück und spreizen die drei Finger zum serbischen Gruß. Dem militärischen Konvoi folgen schwere Sattelschlepper und kleinere Lastwagen. Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wird abtransportiert. Auf einem der Anhänger ist eine Ladung mit Kühlschränken zu sehen, wahrscheinlich die Beute aus einem Albanerdorf draußen in der Provinz.

Serbischen Zivilisten, die die Straße säumen, freuen sich mit den Soldaten, die nach Hause dürfen. Doch sie bleiben mit einem unguten Gefühl zurück. Danilo Maslovaric, korpulenter Besitzer des Café Romanza und stets mit der Pistole locker im Hosengurt, sucht bereits einen Käufer für sein Lokal und sein stattliches Haus. Wollen die Journalisten nicht vielleicht umsteigen und sich in der Gastronomie versuchen?

"Sobald Polizei und Armee weg sind, werden auch wir Zivilisten gehen", ist er überzeugt. Frau und Kinder hat der Lokalbesitzer schon längst ins südserbische Nis in Sicherheit gebracht. Den britischen Soldaten, die hier den serbischen Abzug überwachen, will er nicht trauen. Im Gefolge der Nato-Truppe, so ist er mit seinen Gästen im Café Romanza einig, werden auch die albanischen Rebellen in Kosovo Polje und in Pristina einziehen.

Einige serbische Familien von Kosovo Polje wollten nicht länger abwarten. Der Exodus hat, zunächst langsam, aber dann doch immer stärker werdend, schon vor ein paar Tagen begonnen. Einige haben vor der Abreise gleich noch das eigene Haus angezündet. "Aus Rache", sagt Danilo Maslovaric. Denn man will schließlich nicht, daß albanische Rückkehrer sich am serbischen Besitz erfreuen können. Auch über dem Zentrum von Pristina, nur knapp einen Kilometer entfernt, steigt beim Hauptquartier der Polizei dicker Rauch auf. Vor dem Abzug verbrennen die Sicherheitskräfte noch Dokumente und vernichten Archive.

In Zenel Hajdini, dem Stützpunkt einer Sondereinheit, verläßt kurz nach Mittag gerade ein Konvoi von 73 Polizeifahrzeugen den großen Parkplatz. Das letzte, mit einem aufgepflanzten Maschinengewehr, muß mühsam abgeschleppt werden. Neben dem Tor steht eine Gruppe von jungen Albanern. "Kriminelle" oder "Diebe" rufen einzelne mit noch leiser Stimme. Andere spucken schweigend auf den Boden. Arben, ein Student der englischen Sprache, ist froh, daß er jetzt sein Haus gleich neben dem Stützpunkt der Polizei wieder verlassen kann. Die Nato hat es möglich gemacht, sagt er, noch blaß vom gut zweimonatigen Hausarrest hinter zugezogenen Vorhängen. Auf dem Parkplatz vor dem Polizeigebäude bleiben ein paar ausgeschlachtete Fahrzeuge zurück. "Gestohlen von Albanern", sagt Arben, der Student. Der britische Offizier am Tor zum Stützpunkt meldet über Funk den Abschluß des Abzuges.

Auch Arben hat vom Exodus der serbischer Nachbarn gehört: "Wer ein schlechtes Gewissen hat, geht, doch die anderen werden bleiben", glaubt der junge Mann. Die einen können Freude und Erleichterung über den Abzug kaum verbergen. Die anderen verfolgen das Geschehen schweigend und sichtlich besorgt. Da und dort sind auch im Zentrum von Pristina schon die Lastwagen mit den orangen Plastikplanen vor den Wohnhäusern zu sehen. "Ohne unsere Polizei und unsere Armee gibt es für uns hier keine Sicherheit mehr", sagt Dragan Mirkovic, Vater von zwei kleinen Kindern. Vor dem Hauseingang werden gerade Waschmaschine und Bücherregal auf den Lastwagen aufgeladen. Dragan Mirkovic schimpft über die Politiker, "über Milosevic und die ganze Mafiabande". Doch mehr läßt sich der Serbe in diesem Moment nicht entlocken. Wohin die Reise gehen soll, weiß der Familienvater noch nicht so genau. Vorerst hofft er, bei Verwandten in der Stadt Nis unterkommen zu können.

Fast stündlich verändert sich die Landschaft von Pristina. Über der Stadt kreisen Hubschrauber der britischen Kfor-Truppe. Auf dem Dach eines Hochhauses winken Jugendliche den "Befreiern" euphorisch zu. Nicht nur Arben, der blasse Student, wagt sich das erste Mal aus den eigenen vier Wänden. Auch andere tauchen wie aus dem Nichts plötzlich in der Stadt auf. In Pristina werden am Dienstag die ersten Männer in den Uniformen der "Kosovo-Befreiungsarmee" (UCK) gesichtet. Über einer Schule am Stadtrand weht bereits die albanische Fahne mit dem schwarzen Adler auf rotem Hintergrund. Vor dem Eingang zum provisorischen UCK-Hauptquartier haben Albaner Blumen ausgestreut. Remi, der Kommandant, werde in den "nächsten Stunden" erwartet, kündigt einer der jugendlichen Wärter am Eingang an.

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