Politik : Das Spätprogramm brachte die Nachricht vom Frieden

STEPHAN ISRAEL

Die Nachricht vom Frieden hat das Publikum im Spätabendprogramm erreicht. Die Aggression gegen Jugoslawien sei beendet: "Die Friedenspolitik Jugoslawiens und des Präsidenten Slobodan Milosevic hat gewonnen", meldet Serbiens staatliches Fernsehprogramm (RTS) in der Nacht zum Donnerstag. Kurz zuvor hatten Vertreter des jugoslawischen Generalstabs und der Nato das Abkommen über den Abzug der serbischen Einheiten aus dem Kosovo unterzeichnet. Doch im RTS-Bericht ist vom Abzug der eigenen Truppe nicht die Rede, und der britische Nato-General Mike Jackson wird zu einem Vertreter der UNO. In der Belgrader Diktion sind die Vereinten Nationen "gut", weil dort auch das befreundete China und Rußland mitreden können. Die Nato ist noch immer der "barbarische Aggressor", und man will den Eindruck der Niederlage vermeiden.

Im Gegenteil, das offizielle Belgrad feiert den "Sieg". Trotz Nato-Aggression sei das Kosovo gerettet worden, triumphiert Gorica Gajevic, Generalsekretärin der Milosevic-Partei im staatlichen Abendprogramm. Auch in den Straßen der Hauptstadt macht sich zu später Stunde so etwas wie Feierstimmung breit. Mehrere hundert Menschen strömen spontan auf dem Platz der Republik zusammen, schwingen jugoslawische Nationalfahnen.

In den Vororten der Hauptstadt werden auch Freudenschüsse in den Himmel abgefeuert. Andere fahren hupend über die Brücken und zwar erstmals ohne Angst. Einige skandieren "Der Sieg ist unser", und andere rufen schlicht "Serbien, Serbien". In 78 Nächten haben die Sirenen Luftalarm angekündigt. Selbst im Zentrum der Stadt sind mehrere Gebäude von Raketen und Bomben der Nato-Flugzeuge getroffen worden. Und immer wieder war am Horizont der Feuerschein von gewaltigen Explosionen zu sehen. Gegen Ende der Nato-Angriffe sahen sich immer mehr Belgrader ohne Strom und Wasser. In Zentrum von Belgrad ist in der Nacht auf Donnerstag erstmals seit einem Monat die Straßenbeleuchtung wieder in Betrieb. Und auch die langen Nächte in den Luftschutzkellern sind zumindest vorerst vorbei.

Einheimische Journalisten melden auch aus anderen Städten Serbiens "spontane" Freudenfeiern. Doch nicht allen ist es zum Feiern zumute: "Wir sollten nach soviel Leid und Elend nicht feiern", meint einer, der zu Hause geblieben ist. "War es nötig, all dieses Blut zu vergießen?", fragt ein Reservist im Belgrader Fernsehstudio B stellvertretend für viele.

In Belgrad bilanzieren inzwischen die Ökonomen, regimetreue und unabhängige, die wirtschaftlichen Folgen der Bombenkampagne der Nato: Zucker, Speiseöl oder etwa Waschpulver könnten schon bald knapp werden. Während der Luftangriffe haben sich die Behörden zumindest in der Hauptstadt um "volle Regale" bemüht. Doch das potemkinsche Dorf der scheinbaren Normalität wird sich nicht lange aufrecht erhalten lassen. Serbien brauche bis zum Herbst mindestens eine Milliarde Dollar, um eine humanitäre Katastrophe vermeiden zu können, mahnt der prominente Wirtschaftsexperte Mladjan Dinkic. Die Angehörigen der Belgrader Nomenklatura rüsten sich mit Stromgeneratoren aus und lassen in ihren Gärten Brunnen bohren. Man will für absehbare Strom- und Wasserengpässe in Zukunft gerüstet sein. Doch die Mehrheit der städtischen Bevölkerung wird im Winter frieren müssen, weil Heizkraftwerke zerstört und die Energieproduktion des Landes massiv beeinträchtigt ist. Die schon zuvor bescheidenen Renten und Gehälter sind auf monatlich 100 Mark geschrumpft. Einige Firmen entlohnen ihre Mitarbeiter bereits mit Mehl statt mit knappem Bargeld. Die restriktiven "Sonderdekrete", während der "Nato-Aggression" verabschiedet, dürften auch in den kommenden "Friedenszeiten" in Kraft bleiben. Dazu gehört die Pflicht, am Arbeitsplatz zu erscheinen, auch wenn es dort nichts zu tun gibt. Das Regime ist für soziale Unruhen gewappnet. Unternehmen können über ihre Angestellten frei verfügen und sie auch als Zwangsarbeiter für den Wiederaufbau der Heimat "abkommandieren". Anfang Juni, als ein zartes Gerücht vom bevorstehenden Frieden bereits die Runde machte, verabschiedete die Bundesregierung eines der letzten Kriegsdekrete: Sondereinheiten der Militärpolizei dürfen Zivilisten oder Soldaten jederzeit festnehmen, jederzeit ohne Durchsuchungsbefehl in Wohnungen eindringen oder private Fahrzeuge konfiszieren. Was in Belgrad besondere Sorge auslöst, ist die Tatsache, daß die Identitätsausweise der neuen Sondereinheit für eine Periode von zehn Jahren ausgestellt werden.

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