Der Fall Andrej Holm : Vergangenheit vergeht nicht

Andrej Holm hat bei der Verteidigung seiner Stasi-Vergangenheit den menschlichen Faktor vernachlässigt - und die Politik den historischen: Das hat den Fall größer gemacht, als er ist. Ein Kommentar.

Andrej Holm: Als junger Mensch Stasi-Mitarbeiter, dann anerkannter Stadtsoziologe, jetzt nur kurz Berliner Staatssekretär.
Andrej Holm: Als junger Mensch Stasi-Mitarbeiter, dann anerkannter Stadtsoziologe, jetzt nur kurz Berliner Staatssekretär.Foto: dpa/Rainer Jensen

Bald drei Jahrzehnte, nachdem sich Menschen aus Ost und West in den Armen lagen und auf der Mauer tanzten, zeigt sich: Vergangenheit vergeht nicht. Nur, dieses Beweises am Fall Holm hätte es wirklich nicht auch noch bedurft. Das Ganze hätte der Berliner Senat anders behandeln müssen. Wo er doch nicht irgendeine Landesregierung unter vielen ist, sondern die in der Hauptstadt des vereinten Deutschlands, der Werkstatt der Einheit. Denn hier wird doch immer noch daran gewerkelt und dabei alles genau verzeichnet: alles, was gelingt – aber noch mehr alles, was danebengeht. Wie im Fall Holm.

Eigentlich ist der Vorgang nicht besonders groß. Möchte man meinen. Andrej Holms Leben mit Stasieltern sollte münden in seine eigene Stasikarriere. Lange her, kurz, der Mann war jung, und er war keiner, der aufbegehrte. Holm wäre heute, wenn die DDR nicht versunken wäre, nicht von den Menschen im Osten versenkt worden wäre, wohl Offizier. Dann kam die Humboldt-Universität. Der Fragebogen aus der Personalabteilung. Vielleicht die große Sorge, den Job nicht zu bekommen. Oder Dreistigkeit. Oder Verdrängen.

Holm fiel zurück in dieses Verhaltensmuster: verheimlichen, verdecken, sich nicht erklären. Was den Fall größer macht, ist unter anderem das. Weil dieses Verhalten die Vorbehalte vieler aus der Zeit nach der Vereinigung wieder aufleben lässt: Sind die nicht doch alle so? Wem soll man da trauen? Fragen, die einem jetzt wieder begegnen und die offenbaren, dass die gesellschaftlichen Vorbehalte nicht behandelt, nie wirklich öffentlich verhandelt, sondern wohl vor allem verdrängt worden sind.

Hätte Holm ein Schuldeingeständnis Verständnis gebracht?

Holm selbst hat da auch eine große Chance vergeben, eine für sich und sogar für die Gesellschaft. Wenn er ins Offene gegangen wäre, wenn er Transparenz gewagt hätte, wenn er bei dieser einen öffentlichen Versammlung in Prenzlauer Berg gesagt hätte, was ihn geleitet hat, dass ihn die Furcht vor dem Absturz verleitet hat, der HU so zu antworten, wie es heute zu seinem Fall führt – wer weiß, wie die Menschen darauf reagiert hätten. Vielleicht sogar verständnisvoll? Der menschliche Faktor: Ein unumwundenes Schuldeingeständnis ist Voraussetzung für ehrlichen und konstruktiven Umgang. Und fürs Verzeihen.

Was den Fall größer macht, als er anfangs war, ist auch die Tatsache, dass der rot-rot-grüne Senat zwar das Stasithema adressiert, aber seine Sensibilität, die er suggeriert, im Fall Holm nicht nachgewiesen hat. Weder gibt es die Kriterien im Umgang mit Stasi und Stasibelasteten, wie die Berliner Linke sie vor der Regierungsbeteiligung erarbeiten wollte.

Noch hat jetzt irgendeiner den Versuch unternommen, das ganze Thema auf eine andere Reflexionsebene zu heben.

Die nämlich, dass zumal in der neuen deutschen demokratischen Bundesrepublik alle Bürger, und da eben nicht zuletzt die in jeder Hinsicht gebrauchten DDR-Bürger, mit dem Recht auf Irrtum zugleich die Chance zur Korrektur haben. Prüfung und Selbstprüfung führen den, der kein Unrecht begangen hat, zur Freiheit, nach bald 30 Jahren Leben in der Demokratie im Bewusstsein dessen in diesem Staat an führende Stellen gelangen zu wollen.

Haben die Ostdeutschen Merkel und Gauck nichts zum Thema zu sagen?

Womit wir bei der nächsten verpassten Chance wären. Diese Republik hat ja doch zwei Ostdeutsche an der Spitze, die genau dieses Thema zu scheuen scheinen wie der Teufel das Weihwasser, die eine mehr, der andere weniger. Als ob ihre Sozialisierung fortwirkte, das Innere, das im Inneren Bestimmende nur ja zu schützen und bloß niemanden hineinschauen zu lassen. Dabei brauchen Gesellschaften Vorbilder, um sich zu entwickeln. So wie die USA als Beispiel für sich annähernde Chancen einen schwarzen Präsidenten brauchten und endlich eine Präsidentin gebraucht hätten.

Ein passendes Signal haben die an der Spitze unseres Senats und an der Spitze unseres Staats versäumt. Und das macht den Fall Holm plötzlich so groß.

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