Politik : Der Volksliebling Ken Livingstone kandidiert und fordert damit Blairs "New Labour" heraus

Hendrik Bebber

Tony Blairs Alptraum scheint Wirklichkeit zu werden: Der "Rote Ken" will London regieren. Nach seiner Niederlage im Parteiauswahlverfahren wird Ken Livingstone nun als Unabhängiger am 4. Mai bei der ersten Wahl eines Oberbürgermeisters der Metropole gegen den offiziellen Labour-Kandidaten Frank Dobson antreten. Und bei den Buchmachern ist er der hohe Favorit. Blair nannte diese Möglichkeit unverblümt eine "einzige Katastrophe für London".

Livingstones Entschluss kommt wenige Tage nach der 100. Geburtstagsfeier von Labour, an der Tony Blair wieder nachdrücklich vor den alten Übeln des ultralinken Sozialismus und der selbstzerstörenden Flügelkämpfe warnte, die Labours an der Regierung hinderten. Mit allen Tricks hatte die Parteileitung Livingstones Chancen als Labour-Kandidat verringert. Als der 54-jährige Hinterbänkler im Parlament sein Interesse an dem OB-Posten bekundete, setzte ihm Blair mit dem ehemaligen Gesundheitsminister Frank Dobson ein politisches Schwergewicht vor die Nase. Für die Nominierung, bei der sich auch die ehemalige Filmschauspielerin Glenda Jackson bewarb, wurde ein "Wahlgremium" eingesetzt. Dabei hatten die 50 000 eingeschriebenen Londoner Mitglieder der Labour-Partei nur ein Drittel des Stimmrechts. Der Rest verteilte sich zu gleichen Teilen auf die Londoner Abgeordneten im Unterhaus und im Europäischen Parlament sowie auf die Gewerkschaften. Livingstone gewann die überwältigende Stimmenmehrheit der Ortsverbände und der Gewerkschaften. Doch die Stimmen der Abgeordneten und die "Blockstimmen" der Blair-treuen Gewerkschaften, die ihre Mitglieder nicht befragt hatten, ließen Frank Dobson schließlich knapp gewinnen.

Blair teilt Margaret Thatchers Widerwillen gegen Livingstone, der 1985 als Präsident des Stadtrates von Groß-London seinen Posten verlor, als die "Eiserne Lady" dieses Selbstverwaltungsorgan der gesamten Hauptstadt abschaffte. Doch bei den meisten Londonern war Livingstone sehr beliebt, weil er die Preise für das Nahverkehrssystem drastisch senkte und die Leute zudem nicht mehr stundenlang auf Bus- und U-Bahnen warten mussten. Redegewandt, mit viel Witz und einem bodenständigen Cockney-Akzent, war Livingstone ein Volksliebling. So wurde er in den Meinungsumfragen sofort zum Gewinner, als Tony Blair den Londonern wieder eine eigene Stadtverwaltung versprach.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben