Forsa-Chef zur NRW-Landtagswahl : "Die SPD hat sich NRW immer nur schön geredet"

Forsa-Chef Manfred Güllner hält Nordrhein-Westfalen keineswegs für die Herzkammer der Sozialdemokraten - und die hätten mit dem Thema soziale Gerechtigkeit auch noch nie eine Wahl gewonnen.

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Manfred Güllner, Forsa-Chef
Manfred Güllner, Forsa-ChefFoto: Michael Kappeler/dpa

Rot-Grün ist abgewählt, und die Sozialdemokraten haben ausgerechnet in dem Land, das sie als ihre „Herzkammer“ bezeichnen, ein historisches Debakel erlebt. Woran lag es?

Nordrhein-Westfalen ist eigentlich gar nicht die Herzkammer der SPD. Bei zehn Landtagswahlen dort lag die CDU vorne, die SPD bei gerade mal sieben. Und in Absolutzahlen gerechnet war das SPD-Ergebnis bei der Landtagswahl 2010 genauso schlecht wie heute. Die Sozialdemokraten haben sich das nur immer schön geredet.

Eine amtierende Regierungschefin wurde krachend abgewählt, die SPD ist um acht Prozentpunkte abgesackt.

Ich denke, dass die SPD nicht nur in den letzten Jahren der Regierung Kraft verloren hat. Die Ursachen liegen viel tiefer. Wenn die CDU unter Norbert Röttgen im Jahr 2012 nicht so schwach gewesen wäre – damals gingen ja viele CDU-Wähler gar nicht zur Wahl –, wäre das Desaster der SPD in NRW schon früher sichtbar geworden.

Der Wahlsieg der Union weist über NRW hinaus. Bedeutet er die Rehabilitierung der durch die Flüchtlingskrise heftig ins Trudeln geratenen Kanzlerin Angela Merkel?

Merkel hat Recht, wenn sie sagt: Landtagswahlen sind Landtagswahlen und Bundestagswahlen sind Bundestagswahlen. Aber was die jüngsten Landtagswahlen und auch diese in NRW zeigen, ist, dass Merkel nicht so viel Vertrauen verloren hat, wie von manchen, auch in ihrer eigenen Partei, unterstellt worden ist.

Wie wahrscheinlich ist es denn, dass die SPD die Stimmung bis zur Bundestagswahl noch drehen kann? Kann Martin Schulz nach NRW noch Kanzler werden?

Das bisherige Hauptthema für Martin Schulz, nämlich soziale Gerechtigkeit, hat der SPD seit 1949 noch niemals zu Mehrheiten verholfen. Das wird es auch diesmal nicht. Was Martin Schulz bisher nicht geschafft hat und unter dem Eindruck dieses Ergebnisses auch nicht mehr schaffen wird, ist, der SPD wieder politische Kompetenz einzuhauchen. Neben Sigmar Gabriel war ja der andere Schwachpunkt, dass der SPD kaum jemand zutraut, die Probleme im Land auch anzupacken zu können.

Gab es einen Schulz-Effekt in NRW, positiv oder negativ?

Martin Schulz hat die SPD bei dieser Landtagswahl auf keinen Fall nach oben gebracht. Ein positiver Effekt war mit Sicherheit nicht vorhanden.

Aber die FDP ist mit Christian Lindner wie Phönix aus der Asche gestiegen. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Die FDP hat ja an sich ein großes Potenzial. Viele wollen eine im weitesten Sinne liberale Partei: der klassische Mittelstand, Handwerker, Kleinunternehmer, freie Berufe. Die haben das wie schon 2012, wo die FDP ja auch schon fast neun Prozent bekommen hat, nun wieder deutlich gemacht.

Was kommt, wenn Schwarz-Gelb nicht funktioniert? Ist eine große Koalition im bevölkerungsreichsten Bundesland das, was sich die Menschen wünschen?

Die Bürger sind sehr viel mehr konsensorientiert, als ihnen von vielen Politikern, Kulturkritikern und Intellektuellen unterstellt wird. Große Koalitionen werden nicht generell negativ, sondern eher positiv gesehen.

Der Soziologe Manfred Güllner ist Gründer und Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts Forsa.

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