Ground Zero : Umstrittener Moscheebau: Aus Tränen wird Wut

Gegner und Befürworter des Moscheebaus am Ground Zero streiten am Jahrestag des 11. September.

Friedemann Diederichs[New York]
Offener Schlagabtausch. Moscheegegner diskutieren heftig mit einer Frau, die das Projekt in der Nähe von Ground Zero verteidigt.
Offener Schlagabtausch. Moscheegegner diskutieren heftig mit einer Frau, die das Projekt in der Nähe von Ground Zero verteidigt.Foto: AFP

Eliezer Jimenez, einem schmächtigen farbigen Einwanderer aus Puerto Rico, stehen erneut Tränen in den Augen. Zunächst weint er an der Baustelle des Ground Zero, als bei der Gedenkfeier zur Erinnerung an die Anschläge vom 11. September 2001 sein Sohn als einer von 2752 Namen genannt wird: Eliezer Jimenez jr. Für den 32 Jahre alten Koch im „Windows on the World“-Restaurant ganz oben im World Trade Center hatte die Frühschicht gerade begonnen, als die Terroristen zuschlugen. „Man fand nur drei Rippen von ihm“, erinnert sich der Vater. Doch aus den Tränen des Schmerzes werden fünf Stunden später Tränen der Wut – bei der Demonstration gegen die geplante Moschee nur zwei Straßenzüge entfernt. „Nun wollen sie jene Familien, die Angehörige verloren haben, auch noch lächerlich machen“, sagt Jimenez mit bebender Stimme.

Der neunte Jahrestag des 11. September: Er ist für die US-Bürger ein Datum der starken Emotionen, extremen Meinungen und tiefen Gräben. „Liebt Eure Feinde“ singt ein Mennoniten-Chor aus Massachusetts in der Nähe des Ground Zero und ruft zu religiöser Toleranz auf – ein drängender Appell, den auch US-Präsident Barack Obama bei seiner Rede im Verteidigungsministerium vorbringt: „Wir müssen uns nicht von Angst, sondern unseren Hoffnungen leiten lassen.“

Doch bei vielen stößt das Anliegen so nahe am Ort der Tragödie auf taube Ohren. Auch bei Christine Box, von deren Bruder Gary – einem 37 Jahre alten Feuerwehrmann – bei den Bergungsarbeiten keine Überreste gefunden wurden. „Die Islamisten wollen uns bewusst provozieren“, sagt sie. Christine Box und ihre Mutter Hillary sind unter jenen gut 1000 Menschen, die dem konservativen niederländischen Islamkritiker Geert Wilders zujubeln. Wilders ist der Bühnenstar der Moschee-Gegner, und allein fünf Leibwächter umringen ihn auf dem kleinen Podium, als er mit seinen Parolen die Masse zum Jubeln bringt: Es gebe keinen Mangel an Moscheen in New York, die Stadt dürfe nicht das neue Mekka werden. „Wir werden nicht die verraten, die an 9/11 starben“, mahnt Wilders.

Nur 100 Meter entfernt machen jene, die das Moschee-Projekt befürworten und Politiker wie Wilders als Hassprediger ablehnen, auf der Church Street aus ihren Ansichten keinen Hehl. New Yorks Polizei ist zu tausenden auf den Straßen, um die Lager zu trennen, denn die Ansichten scheinen unversöhnlich. Da sind Plakate, die Wilders und Hitler gleichsetzen. Die klar machen: „Islam gibt es seit 400 Jahren in New York“. Oder fordern: „Verbrennt den Koran, verbrennt die Bibel“. Obwohl Terry Jones, der radikale Pastor aus Florida, auf seine angekündigte Scheiterhaufen-Aktion am Jahrestag der Anschläge verzichtet hat, kommt es doch noch zu einem spektakulären Zwischenfall in New York. Ein junger Mann stellt sich mitten auf den Broadway, beginnt Seiten aus dem heiligen Buch der Muslime zu reißen und diese in Flammen zu setzen. Schnell ist die Polizei zur Stelle, bevor wütende Demonstranten ihn erreichen können.

Doch viele, die gegen die Moschee demonstrieren, wollen sich nicht in die Kategorie der Islam-Feinde einordnen lassen. Zu ihnen gehören Maria und Bob Schmidt. Das Ehepaar aus Florida ist angereist, um klar zu machen: „Die Moschee-Planer wollen angeblich das Land heilen. Doch mit diesem Standort wird dies nicht möglich sein.“ Die Schmidts, deren Vorfahren aus der Nähe Bremens stammen, bezeichnen sich als „Patrioten“ – und Pfarrer Jones als „Verrückten“. Sie sagen: „Der Islam ist keine böse Religion. Aber die Moschee ist an dieser Stelle fehl am Platz.“ Ein Verkäufer macht gleich daneben gute Umsätze mit einem T-Shirt, das den Aufdruck trägt: „Keine Siegestrophäe auf heiligem Boden“.

In der nahen St.-Pauls-Kapelle, auf deren harten Bänken nächtelang Retter und Bergungskräfte nach den Anschlägen schliefen, bemühen sich unterdessen Vertreter der Trinity-Gemeinde um eine Annäherung der Fronten und jene Verständigung, zu der es bisher trotz der Appelle auch des Präsidenten nicht gekommen ist. Man teile doch gemeinsame Werte der Toleranz auch mit jenen, die für die Moschee seien, betont Vikarin Anne Malone. In den Seitengängen des Kirchenbaus hängen bunte Origami-„Friedenskraniche“, von Überlebenden der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki in den Wochen nach dem 11. September 2001 in die USA geschickt. Doch an einen Frieden zwischen jenen Eiferern, die im Islam einen Feind sehen, und den um Toleranz bemühten Bürgern ist in diesen Tagen nicht zu denken.

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