Hans Koschnick : Verständigung statt Basta-Politik

Der Bremer Sozialdemokrat Hans Koschnick wird 80 – und liest seiner Partei die Leviten.

Eckhard Stengel[Bremen]
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Foto: dpa

Wenn es nach dem Bremer SPD-Ortsverein Farge-Rekum ginge, müsste Hans Koschnick den Friedensnobelpreis bekommen. Ganz abwegig ist dieser Vorschlag nicht. Denn der Bremer Altbürgermeister hat tatsächlich manches zum Frieden und zur Aussöhnung in der Welt beigetragen, sei es als „heimlicher Außenminister“ Willy Brandts, als EU-Administrator in Mostar – oder als Tarifschlichter im öffentlichen Dienst. Aber Ehrungen sind nicht seine Sache. Wenn der Sozialdemokrat an diesem Donnerstag 80 Jahre alt wird, feiert er lieber mit der Familie, statt sich salbungsvolle Worte auf Empfängen anzuhören. „Wenn Reden über mich gehalten werden, kann das später an meinem Grab geschehen. Da muss ich dann nicht zuhören“, sagt Koschnick.

Ganz kommt er aber nicht an Ehrungen vorbei: Am 28. April soll ein „ politisches Kolloquium“ im Bremer Rathaus seine Lebensleistung würdigen. Mit dabei: SPD-Chef Franz Müntefering. Gewürdigt wurde Koschnick auch mit einer Biografie („Trennendes überwinden“). In dem Buch äußert sich der SPD-Veteran „tief besorgt“ über den Zustand der Sozialdemokratie. Ihm fehlt das Entwickeln von Zukunftsperspektiven, auch bei den anderen Parteien. Mehr kritische Diskussionen führen und Gegenmeinungen hinnehmen, statt „zu verengt und zu kurzfristig nach Antworten suchen“ – das wäre sein Ansatz. Doch aus Furcht vor Wahlniederlagen fehle der Politik der Mut, den Menschen „unter Umständen zu sagen, wir müssen alle den Gürtel enger schnallen“. Einen Großteil der sozialen Einschnitte durch die rot-grüne Koalition findet Koschnick zwar richtig. „Aber sie wurden eingeführt mit einem Basta.“

Koschnick sucht lieber Verständigung und Kompromiss. Als SPD-Vorstandsmitglied gestaltete er Willy Brandts Ostpolitik mit und bemühte sich um Aussöhnung mit Polen und Israel. Dort wurde er auch deshalb als glaubwürdiger Vertreter Deutschlands akzeptiert, weil er aus einer von den Nazis verfolgten Kommunistenfamilie stammt.

Seinen schwierigsten Vermittlerauftrag übernahm „Hans Dampf“ 1994. Als Leiter der EU-Wiederaufbauaktion in der bosnisch-herzegowinischen Stadt Mostar ließ er zwar Schulen und Stromnetze reparieren, doch den Hass zwischen den Volksgruppen konnte er nicht wegmoderieren. 1996 brach er seine Mission ab, weil er sich nach einem Anschlagsversuch nicht genügend von der EU unterstützt fühlte.

So kehrte er ernüchtert in seine Heimatstadt zurück, in der seine Karriere 1945 begonnen hatte: zunächst Inspektorenanwärter, später unsportlicher Leiter des Sportamts, zwischendurch Gewerkschaftssekretär, dann mit nur 34 Jahren Innensenator und seit 1967 Bremer Bürgermeister (jeweils als jüngster Amtsinhaber Deutschlands). Nach 18 Jahren im Rathaus erklärte der volkstümliche, aber manchmal auch autoritäre „Große Manitu“ 1985 überraschend seinen Rücktritt, mitten in der Legislaturperiode. Der Hauptgrund wird jetzt in der neuen Biografie enthüllt. Er wollte kein zweites Mal erleben, was er kurz vor der Bürgerschaftswahl 1983 durchmachen musste: Als die Großwerft „AG Weser“ geschlossen werden sollte, fühlte er sich aus der Partei bedrängt, den Werftarbeitern falsche Zukunftshoffnungen zu machen. Er sagte ihnen lieber die Wahrheit, wurde dafür von den Arbeitern ausgebuht – aber mit absoluter Mehrheit wiedergewählt.

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