In Reichweite : Angriffe der Hamas erreichen Tel Aviv und Jerusalem

„Die Chance, von einer Rakete getroffen zu werden“, sagt Idan Liberman, „ist ziemlich klein.“ Deshalb sorgt er sich mehr darum, in einem Lokal in Tel Aviv einen Tisch zu ergattern, als um die Angriffe der Hamas. Die aber erreichen sogar die beiden größten Städte Israels.

von , und Theresa Breuer
Unter Tage. In Tel Aviv suchten die Menschen nach einem neuerlichen Angriffsalarm am Freitag Schutz in einem Parkhaus. Die Rakete, die vom nördlichen Gazastreifen aus abgeschossen worden war, soll im Meer eingeschlagen sein.
Unter Tage. In Tel Aviv suchten die Menschen nach einem neuerlichen Angriffsalarm am Freitag Schutz in einem Parkhaus. Die Rakete,...Foto: AFP

Die Sirenen heulen, Sekunden dauert es, dann folgt die Explosion. Es ist Mittagszeit in Tel Aviv, als am Freitag südlich der Stadt eine Rakete einschlägt. Wie schon am Abend zuvor. Die Million Einwohner im Großraum Tel Aviv sind verunsichert – und versuchen doch, so normal weiterzuleben wie irgend möglich.

Für jene, die mit der ständigen Bedrohung groß geworden sind, ist die Situation nicht grundlegend neu. „Ich will nicht sagen, dass hier alles wie immer ist, aber es gab schon schlimmere Momente in Tel Aviv“, sagt der 26-jährige Idan Liberman und meint etwa die Zeit der zweiten Intifada, als Selbstmordattentate Israel erschütterten, kein Bus, kein öffentlicher Platz sicher schien. Oder 1991, als in Tel Aviv das letzte Mal die Luftschutz-Sirenen heulten, weil Saddam Hussein aus dem Irak Langstreckenraketen auf Israel feuerte. „Damals ist eine Rakete direkt neben dem Haus meiner Familie eingeschlagen“, sagt Idan.

In Nahost droht ein neuer Krieg
Ein israelischer Soldat ruht sich aus und hört Radio. Seit Mittwoch den 21. November besteht eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas.Weitere Bilder anzeigen
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22.11.2012 17:54Ein israelischer Soldat ruht sich aus und hört Radio. Seit Mittwoch den 21. November besteht eine Waffenruhe zwischen Israel und...

Am Freitagmittag steht der junge Mann mit dem Dreitagebart auf dem Rothschild Boulevard in Tel Aviv und wartet mit zwei Freunden auf einen Tisch. Es ist voll im Café 12, junge Männer und Frauen sitzen hier bei Roséwein und Salat. Ob er Angst hat? „Klar“, sagt Idan, „Angst davor, keinen Tisch zu bekommen“. Seine Freundin grinst. Idan zündet sich eine Zigarette an.

Idan Liberman trägt Jeans und T-Shirt, er arbeitet als Texter in einer Werbeagentur. Als der Alarm am Donnerstagabend in Tel Aviv losging, telefonierte er gerade mit einer Kundin aus den USA. Sie fragte ihn: „Ist Alarm in Tel Aviv?“ Er musste kurz überlegen. „Ja, stimmt“, antwortete er schließlich, „lass mich nachher zurückrufen.“ Mit seinen Kollegen ging er ein Stockwerk tiefer. Einen Schutzraum hat das Bürogebäude nicht. „Angst hatten wir keine, aber wir haben uns auf jeden Fall erschrocken“, sagt er.

Mit der Operation „Säule der Verteidigung“, die am Mittwoch startete, wollte Israels Premier Benjamin Netanjahu die radikal-islamische Hamas im Gazastreifen abschrecken und dem Süden seines Landes nach Jahren andauernden Raketenbeschusses wieder Ruhe bescheren. Gezielt ließ er den Hamas-Oberkommandierenden Ahmed al Dschabari töten und befahl massivste Luftangriffe. Die Islamisten schworen Rache und schossen zurück.

Bislang sieht es aus, als werde die strategische Operation zu einem Krieg.

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