Politik : Korsische Unabhängigkeit: Korsika ist keine Avantgarde (Kommentar)

Eric Bonse

Das "Europa der Regionen" nimmt Gestalt an. Nach der Autonomie für Schottland und Wales, die Tony Blair durchsetzte, scheint nun auch für die französische Mittelmeerinsel Korsika die Stunde der Selbstverwaltung zu nahen. Bis zum Jahr 2004, so hat Premierminister Lionel Jospin versichert, soll Korsika die Möglichkeit erhalten, Gesetze an die örtlichen Gegebenheiten anzupassen. Zudem soll Korsisch Pflichtfach in den Schulen werden. Die einzige Voraussetzung ist, dass in den nächsten Jahren der "zivile Frieden" auf der Insel einkehrt.

Doch genau diese Bedingung scheint unerfüllbar. Kaum hatte der Jospin-Plan eine Mehrheit im korsischen Regionalparlament gefunden, sprachen schon wieder die Waffen. Einer der prominentesten Fürsprecher des Autonomieprozesses, der ehemalige Nationalistenführer Jean-Michel Rossi, wurde auf offener Straße erschossen. Kurz darauf zerstörte eine Bombe ein staatliches Verwaltungsgebäude nahe Ajaccio. Auch der Direktor der zerstörten Behörde ist ein überzeugter Anhänger des Jospin-Plans.

Diesen Hintergrund muss man kennen, um die aktuelle Pariser Regierungskrise um Korsika zu beurteilen. Es geht nicht um einen Machtkampf zwischen Premier Jospin und seinem widerborstigen Innenminister Jean-Pierre Chevènement, der am Montag seinen schon länger erwarteten Rücktritt verkündete. Es geht auch nicht um ein Kräftemessen zwischen "modernen" Regionalisten und "altmodischen" Anhängern des Pariser Zentralstaats. Die Krise kreist vielmehr um die Frage, ob eine Teil-Autonomie die Insel befrieden kann - oder ob sie im Gegenteil neue Gewalttaten provoziert.

Diese Frage kann niemand mit Gewissheit beantworten. Allerdings spricht vieles dafür, dass Korsika eher eine Terrorwelle à la Baskenland erwartet als eine friedliche Autonomie wie in Schottland oder Wales. Nicht nur die letzten Gewalttaten stützen diese pessimistische Annahme. Auch das politische Vermächtnis des ermordeten Nationalistenführers Rossi lässt Schlimmes ahnen. Die neue Generation korsischer Separatisten stamme aus dem "Lumpenproletariat" und habe "keinerlei politisches Bewusstsein", warnte Rossi in seinem letzten Interview. Die korsische Ideologie "stinkt nach ethnischem Nationalismus", fügte er hinzu.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass 80 Prozent der Korsen fest zu Frankreich stehen. Zu den Nationalisten hat kaum ein Inselbewohner Vertrauen, nur 14 Prozent sprechen sich für die Unabhängigkeit aus. Von einer breiten Autonomiebewegung kann also keine Rede sein.

Auch in anderen französischen Regionen wie der Bretagne, dem Elsass oder dem französischen Baskenland haben sich die - wenigen - Nationalisten diskreditiert. In der Bretagne tötete eine Bombe eine junge Bretonin, seither halten die selbst ernannten Befreier still. Im Baskenland hat man den ETA-Terror vor Augen, der sich zusehends verselbstständigt, auf dem Elsass lastet das Erbe der deutsch-französischen Geschichte. Schon deshalb ist Korsika keineswegs die Speerspitze auf dem Weg zu einem dezentralisierten Frankreich.

Es wäre daher falsch, den Streit um Korsika in Begriffen wie "Regionalisierung" oder gar "Föderalismus" zu deuten. Korsika ist keine Avantgarde für andere französische Regionen, sondern eher ein abschreckendes Beispiel aus dem Mittelalter. Sollte sich allerdings die Gewalt auf der Insel politisch auszahlen, dann könnten auch andere selbst ernannte "Nationalisten" versucht sein, zu den Waffen zu greifen. Diese Sorge treibt Innenminister Chevènement um. Premierminister Jospin muss sie ernst nehmen, zugleich aber seine korsischen Versprechen halten. Dieses Dilemma ist noch immer ungelöst - auch nach Chevènements Rücktritt.

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