Matthies meint : Die Wahrheit auf dem Wahlplakat

Im Rennen um den knackigsten Wahlkampf-Slogan kommt es schon mal zu Plattitüden und Plagiaten.

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Simple Slogans in Berlin. Foto: IMAGO
Simple Slogans in Berlin.Foto: IMAGO

Oh, es riecht ganz in der Ferne nach Wahlkampf. Das ist ungefähr so wie im Frühling, wenn bei den ersten Sonnenstrahlen jemand drei Straßen weiter den Grill anzündet, es müffelt leicht angebrannt und hört bis zum Spätherbst nicht mehr auf. Angesichts der neuen Kraft von rechts müssen wir uns in den kommenden Monaten auf allerhand gefasst machen, da reicht es nun wirklich nicht mehr, die Plakate vom letzten Mal rauszuholen.

Das Allerwichtigste dabei ist für alle Parteien, einen Slogan oder – im Expertenslang – Claim zu erfinden, der ihren Markenkern auf ein paar griffige Worte verdichtet und den potenziellen Wähler, von Erkenntnis durchrieselt, klar sagen lässt: Ach, die sind das, ja das ist meine Partei.

Diese Dinger stehen immer in der Plakatecke neben der eigentlichen optischen Botschaft. 2011 zum Beispiel hat die SPD „Berlin verstehen“ gewählt, das wurde viel belächelt, weil Berlin sich ja von Jahr zu Jahr weiter davon entfernt, verstanden zu werden. Klaus Wowereit durfte weiterregieren.

Warum nicht mal "Schwaches Berlin"?


Aktuell segelte die Berliner SPD nun beim Müller-Wählen unter „Hauptsache Berlin“. Saubere Arbeit. Denn der noch näher liegende Satz „Alles Müller – oder was?“ ist nicht nur vergeben, sondern ließe auch das Wort „Berlin“ vermissen, was ein handwerklicher Fehler wäre, da der Wähler natürlich glauben würde, dass es um Peking geht oder Hoyerswerda. Hauptsache: Berlin, ja klar. Und nicht Brandenburg!

Nun hat die CDU mit einer gewissen Süffisanz darauf hingewiesen, dass „Hauptsache Berlin“ ein alter CDU-Slogan sei. Aber was beweist das schon? Wenn die Berliner Parteien jede inhaltslose Botschaft nach einmaliger Nutzung sperren müssten, dann würde sich in der Stadt ein lähmendes Schweigen ausbreiten... Womit tritt gleich die CDU diesmal an?

„Starkes Berlin“ verspricht sie uns. Stark! Die Zeiten, in denen Politiker auch mal schwach sein durften und strickend im Plenarsaal saßen, sind vorbei, jetzt wird aufgemuskelt. Es wäre sicher interessant, wenn jetzt irgendeine Partei mal „Schwaches Berlin“, „Berlin missverstehen“ oder „Nebensache Berlin“ plakatieren würde, einfach um zu sehen, wie der Wähler reagiert. Sieht er das überhaupt? Macht er sich darüber Gedanken?

Und was wäre, wenn sich irgendeine wagemutige Partei bei der BVG bedient? „Is mir egal“ – das ist doch schon lange das heimliche Programm unserer Stadtoberen. So viel Ehrlichkeit würde der Wähler sicher belohnen.

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