Politik : Mazedonien: Die Uniform noch griffbereit

Stephan Israel

"Um Mitternacht hat sich die UCK aufgelöst", erklärte Rebellenführer Ali Ahmeti am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in seinem Hauptquartier im Bergdorf Sipkovica. Und mit der vergangenen Nacht seien alle ehemaligen Kämpfer der sogenannten Nationalen Befreiungsarmee (UCK) wieder zu gewöhnlichen Bürgern geworden. Die Ankündigung folgt einen Tag nach dem Ende der Entwaffnungsaktion durch die Nato und rechtzeitig zum Beginn der Nachfolgemission "Amber Fox". Der 43-jährige Rebellenführer kommt formell einer Vereinbarung mit Nato-Vertretern nach: Dort war nicht nur von der Entwaffnung, sondern auch von der Auflösung der UCK die Rede gewesen.

Die Ankündigung stößt jedoch nicht nur in Mazedonien auf Skepsis. Das Beispiel des Kosovo zeigt, dass die Guerilleros ihre Organisation sehr wohl im Untergrund weiter führen und jederzeit wieder aktivieren können. Die UCK hat im Rahmen der Nato-Operation "Essential Harvest" etwas mehr als die vereinbarten 3300 Waffen ausgehändigt. Doch selbst vorsichtige Schätzungen gehen von einem Waffenarsenal aus, das mindestens noch ein- bis zweimal so groß ist. Die genaue Struktur der UCK und die Zahl ihrer Kämpfer sind nur in Ansätzen bekannt. Eine Auflösung lässt sich deshalb auch nur schwer überprüfen. Die Experten der britischen Militärzeitschrift "Janes Defence Weekly" gehen von einem harten Kern von 2000 UCK-Kämpfern aus, die zum Teil schon im Kosovo und in Bosnien Kriegserfahrung sammelten.

Noch einmal etwa so groß dürfte die Zahl der vorwiegend jungen Männer aus den "befreiten" Dörfern sein, die sich während des Aufstandes den Rebellen angeschlossen haben. Die UCK soll in mindestens sechs "Brigaden" organisiert gewesen sein. Im Rahmen der Entwaffnungsaktion haben die Guerillas ihre Uniformen nicht abgeben müssen. Die demobilisierten Kämpfer können sie also jederzeit wieder überstreifen. Die Waffenarsenale lassen sich zudem problemlos auffüllen. Eine Versorgungsroute führt trotz verschärfter Kontrollen aus Albanien über die unwegsame Grenze in den mehrheitlich albanisch besiedelten Westen Mazedoniens. Noch am Donnerstagabend ereignete sich hier ein Zwischenfall, als zwei Albaner versuchten, mit ihrem Fahrzeug ohne Halt nach Mazedonien zu gelangen. Die Grenzwachen eröffneten das Feuer und töten einen der beiden, der Zweite wurde verletzt.

In Albanien waren bei den Unruhen 1997 mehrere hunderttausend Kalaschnikows, Maschinengewehre und Minenwerfer in Umlauf geraten, die nie eingesammelt worden sind. Es gilt als erwiesen, dass sich Mittelsmänner der UCK auch bei der serbischen Waffenfabrik Zastava oder anderswo auf dem Schwarzmarkt eindecken konnten.

Rebellenführer Ali Ahmeti erweist sich mit seiner Ankündigung einmal mehr als geschickter Taktiker. Ahmeti hatte Anfang der 80er Jahre als "Linksabweichler" und Verehrer von Albaniens stalinistischem Diktator Enver Hodscha das Kosovo verlassen müssen. Im Exil in der Schweiz gründete er zusammen mit seinem Onkel Fazli Veliu die "Volksbewegung für Kosova" (LPK). Die marxistische Organisation gilt als Geburtsstätte sowohl der kosovarischen als auch der mazedonischen UCK.

Westliche Diplomaten beschreiben Ahmeti als Mann, der sein Wort halte. Zu Beginn der Krise hatte Nato-Generalsekretär George Robertson noch über die "Bande von Dieben" geschimpft. Doch schon nach kurzer Zeit wurde Ahmeti zum bevorzugten Gesprächspartner der Nato-Vertreter, die zwischen den Fronten hin und her pendelten. Einer, der Ahmeti öfter getroffen hat, bezeichnet den Rebellenführer als unterwürfig. Der eher farblose Sprecher der Guerillas habe es den internationalen Vertretern immer Recht machen wollen. Heute strebt der Rebellenführer angeblich nach einer politischen Karriere.

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