Politik : Mazedonien: Flächenbrand statt Frieden

Stephan Israel

In Mazedonien entwickeln sich die Scharmützel zwischen der so genannten Nationalen Befreiungsarmee (UCK) und den Regierungstruppen immer mehr zum Krieg an mehreren Fronten. Am Freitag sind wieder neun Armeereservisten getötet und fünf Soldaten verletzt worden, als ihr Konvoi fünf Kilometer nördlich von Skopje auf eine Mine fuhr. Der Konflikt hat somit praktisch wieder die Tore der Hauptstadt erreicht. Bei einer weiteren Minenexplosion wenige Kilometer weiter nördlich sind ebenfalls sechs Soldaten verletzt worden. Nach albanischen Angaben hat die Armee kurz nach der Explosion mit zwei Kampfhubschraubern das Dorf bombardiert.

Zu schweren Kämpfen ist es am Freitag aber vor allem bei Tetovo gekommen. Es geht dabei um die Kontrolle über die zweitgrößte, mehrheitlich albanische Stadt im Westen des Landes. Die Rebellen kontrollieren in Tetovo bereits mehrere Stadtteile und haben sich nahe der Hauptstraße hinter Sandsäcken verbarrikadiert. Einheiten der Regierung können sich derzeit noch in den Armeebaracken und in der örtlichen Polizeistation halten. Ziel der Rebellenangriffe dürfte es sein, die Armee und Polizei ganz aus der Stadt zu verdrängen. Die mazedonischen Regierungstruppen kämpfen mit ihrem zum Teil schweren Gerät auf verlorenem Posten. Von den Hochhäusern im Zentrum der Stadt sollen mazedonische Scharfschützen nach albanischen Angaben auf Passanten in den Straßen schießen. Die Kämpfer der UCK können umgekehrt die Armeebaracken von den umliegenden Dörfern und den Bergen über der Stadt auch mit schweren Mörsern ins Visier nehmen. Die Regierungstruppen haben die albanische Hochburg am Freitag Richtung Hauptstadt abgeriegelt. Erstmals soll die Armee mit kürzlich von der Ukraine erworbenen Kampfflugzeugen des Typs Suchoi SU-25 Rebellenstellungen angegriffen haben.

Sollte die heimliche albanische Hauptstadt Tetovo vollständig in die Hände der Rebellen fallen, wäre dies nach Auffassung von Beobachtern in Skopje der Todesstoß für Friedensverhandlungen. Denn der Fall von Tetovo wäre praktisch das Ende Mazedoniens als einheitlicher Staat, weil die Teilung des Landes dann offensichtlich würde. Auch weiter südlich bei der mehrheitlich albanischen Stadt Gostivar haben Rebellenangriffe auf eine Polizeistation zum Ziel, die letzten Vorposten der Regierung zu vertreiben. Nach unbestätigten Angaben soll es auch bei den Kämpfen um Gostivar auf beiden Seiten zahlreiche Todesopfer geben haben. Die westliche Verbindungsstraße durch das albanische Siedlungsgebiet von Skopje über Tetovo und Gostivar an den Ohridsee wird von slawischen Mazedoniern aus Sicherheitsgründen schon seit Tagen nicht mehr benutzt. Laut mazedonischen Quellen hat die Regierung ihre neuen Sondereinheiten mit den martialischen Namen "Wölfe", "Skorpione" und "Tiger" Richtung Tetovo verlegt. Wie die Zeitung "Dnevnik" schrieb, hat die Armee zusätzliche Panzer für den Kampf um Tetovo zur Verfügung gestellt.

Die Chancen auf einen Frieden stehen kurz nach Abschluss der Friedensverhandlungen und vor der Unterzeichnung des Abkommens von Ohrid schlechter als je zuvor. Der EU-Vermittler Francois Leotard zeigte sich trotzdem vorsichtig optimistisch, dass der Friedensvertrag am Montag unterzeichnet werden könne. In Skopje mag niemand den Optimismus teilen. "Dnevnik" hat bereits nach dem Angriff auf den Armeekonvoi am Mittwoch zum "Endkampf" gegen die albanischen Rebellen aufgerufen. Die albanische Zeitung "Flaka" veröffentlichte eine Mitteilung einer bisher unbekannten Rebellenorganisation, die ein Abkommen kategorisch ablehnt. Am Freitag dementierte Premierminister Ljubco Georgievski, er habe sich vom Friedensvertrag distanziert, den er noch vergangenen Mittwoch paraphiert hatte.

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