Politik : Mazedonien: In schwieriger Mission

Stephan Israel

Branko Gerovski ist am Dienstag in einer besonderen Mission unterwegs. Der Chefredakteur der größten mazedonischen Tageszeitung "Dnevnik" hat sein Büro verlassen und an der Spitze eines langen Konvois Platz genommen. "Konvoi für den Frieden" steht auf den Autobussen geschrieben, die aus der Hauptstadt Skopje über Tetovo in den albanisch kontrollierten Westen des Landes aufbrechen. Ziel ist das mazedonische Dorf Lesok mit dem mittelalterlichen Kloster.

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Die Beteiligten: Welches Land wieviel Soldaten nach Mazedonien schickt Tag und Ziel der Reise sind nicht zufällig gewählt: In friedlichen Zeiten sind jedes Jahr am 28. August Tausende Mazedonier zur Messe nach Lesok gepilgert. Seit Beginn des Konflikts zwischen den Rebellen und den Regierungstruppen ist der albanische Westen des Landes für die Angehörigen des slawischen Mehrheitsvolks jedoch Feindesland. Vor etwa einer Woche haben albanische Rebellen die Klosterkirche gesprengt. Vertreter der Nato und der OSZE haben den Chefredakteur wegen Sicherheitsbedenken zuerst vergeblich gedrängt, auf die Fahrt zu verzichten. Der mazedonische "Konvoi für den Frieden" wirkt auf die albanische Minderheit im Westen eher wie eine Machtprobe mit anderen Mitteln.

Die Nato habe dann doch eingewilligt, Kontakt mit den Rebellen aufzunehmen und sie zum Rückzug von der Reiseroute des Konvois zu bewegen, berichtet Organisator Gerovski. Der Chefredakteur hat umgekehrt die Passagiere in den Bussen und in der Autoschlange im Gefolge gebeten, auf provozierende Slogans und Fahnen zu verzichten.

So erreicht der Konvoi nach längeren Verhandlungen am Ende sein Ziel ohne Probleme. Die Klosteranlage liegt am Berg gleich hinter dem Dorf. In Lesok selbst lebten einst mehrere hundert slawische Mazedonier. Derzeit sind es noch knapp drei Dutzend alte Leute, die abgeschnitten von der Umwelt ausgeharren. Die Dorfbewohner empfangen die Besucher mit Tränen in den Augen. Unter den Besuchern sind auch Verwandte und Nachbarn, die die Pilgerfahrt nutzen, um nach ihrem Besitz zu schauen. Noch am Montag, berichten die Zurückgebliebenen, seien die albanischen Rebellen durch das Dorf geschlendert. Die Kämpfer der UCK haben während ihrer Visiten im slawischen Dorf mitten im albanischen Westen kaum ein Haus ausgespart. Wo man auch hineinschaut, sind die Zimmer durchwühlt, TV-Geräte, Telefonapparate oder Kühlschränke fehlen.

Wie um zu demonstrieren, dass sie noch da sind, zeigen sich drei Kämpfer der UCK wenig später auf dem Hügel hinter der Kirche. Abgesehen von ein paar Pfiffen bleibt es ruhig unten auf dem Klostergelände. "Die Aufgabe von Territorium ist im Friedensabkommen nicht vorgesehen", erklärt Organisator Gerovski mit sarkastischem Unterton vor den Trümmern der gesprengten Kirche.

Der Konvoi hat also eine Art Eisbrecherfunktion. Mazedonische Zivilisten, Polizei und Armee müssten möglichst bald in den albanischen Westen zurückkehren können, betont der Chefredakteur. Um im gleichen Atemzug zu unterstreichen, dass er Optimist sei und an den Erfolg des Friedensprozesses glaube. Branko Gerovski gibt sich überzeugt, dass die Abgeordneten im mazedonischen Parlament am Ende dem Friedensplan mit den Verfassungsänderungen zugunsten der albanischen Minderheit zustimmen werden. Die Abgeordneten sollen am Freitag ein erstes Mal zusammenkommen, sofern die Nato bei der Operation "Bedeutende Ernte" wie geplant ein Drittel der Rebellenwaffen eingesammelt haben wird. Für Branko Gerovski ist die Bereitschaft der albanischen Rebellen, den bewaffneten Kampf aufzugeben, wichtiger als der Ernteertrag.

Nicht alle im Konvoi teilen den Optimismus. Auf dem Weg durchs Dorf fällt manch bitteres Wort über die albanischen Rebellen, die "Terroristen". Die Albaner wollten alle Mazedonier aus dem Westen des Landes vertreiben, "ethnisch saubere Territorien" schaffen, schimpft einer. Ein Dutzend Häuser haben die Männer von der UCK in den vergangenen Wochen im Dorf abgefackelt.

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