Nach dem Anschlag in Tunis : Die Demokratie in Tunesien darf nicht scheitern

Tunesien gilt als Musterland des Arabischen Frühlings. Der Schock nach dem Anschlag von Tunis ist deshalb umso größer. Im Kampf gegen den islamischen Fundamentalismus braucht das Land die Unterstützung der EU - denn verloren ist er noch nicht. Ein Kommentar.

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Ein tunesischer Soldat vor dem Bardo-Museum, dem Ort des Anschlags in Tunis.
Ein tunesischer Soldat vor dem Bardo-Museum, dem Ort des Anschlags in Tunis.Foto: dpa

Nach dem Anschlag in Tunis braucht Tunesien vor allem eines: massive Hilfe und breite Solidarität. Unter allen Umständen muss verhindert werden, dass islamistische Fanatiker mit ihrem abscheulichen Massaker die noch junge Demokratie des nordafrikanischen Landes von ihrem hoffnungsvollen Weg abbringen.

Jene Dschihadisten aus dem Umfeld der Terror-Milizen IS und Al Qaida haben das arabische Musterland nicht zufällig für ihr jüngstes Massaker ausgewählt: Der erfolgversprechende Demokratiekurs dort ist ihnen ein Dorn im Auge. Weil sie die tunesische Fahrt Richtung Freiheit, Menschenrechte und Toleranz als Kniefall vor der westlichen Kultur sehen.

Säkulare und religiöse Parteien rauften sich zusammen

Der Reformprozess in Tunesien, wo der Arabische Frühling vor vier Jahren begann, gilt als hoffnungsvolles Modell für die gesamte arabische Welt. Während andere Revolutionsländer wie Libyen, Ägypten oder Syrien in Chaos und Gewalt versanken, bewies das tunesische Volk, dass islamische Kultur und demokratischer Wandel kein Widerspruch sein müssen.

Friedlich rauften sich säkulare und religiöse Parteien zusammen; formten nach den ersten demokratischen Wahlen im Herbst eine Koalitionsregierung; verabschiedeten eine wegweisende Verfassung, in der Glaubensfreiheit und auch Gleichberechtigung zwischen Mann und Frauen garantiert wurden – obwohl der Islam als Staatsreligion verankert blieb.

Das Attentat führt nun vor Augen, wie gigantisch die Herausforderungen der Einheitsregierung von Ministerpräsident Habib Essid noch sind. Dazu gehört zuvorderst der Kampf gegen den religiösen Fundamentalismus im Land. Dieser findet in immer noch großer Armut und hoher Arbeitslosigkeit einen reichhaltigen Nährboden.

Ein Scheitern wäre verhängnisvoll

Die Brisanz des brodelnden religiösen Extremismus ist nicht nur in Tunesien selbst spürbar, wo es vor allem in den Grenzregionen mit den Nachbarn Libyen und Algerien zu regelmäßigen Kämpfen zwischen bewaffneten Dschihadisten und Sicherheitskräften kommt. Auch an ausländischen Fronten mischen auffallend viele tunesische Extremisten mit, von denen mindestens 3000 unter der Flagge der Terror-Miliz IS im Irak und in Syrien kämpfen sollen.

Die Geschichte lehrt, dass die beste Waffe gegen Extremismus und Terror immer noch mehr Demokratie, Rechtsstaat, sozialer Fortschritt und wirtschaftlicher Wohlstand ist. Auf diesem hürdenreichen Weg muss die Europäische Union das tunesische Volk tatkräftig unterstützen. Denn ein Scheitern des tunesischen Demokratieexperiments wäre ein verhängnisvolles Signal, mit dem die Hoffnung des Arabischen Frühlings in der islamischen wie der westlichen Welt wohl endgültig untergehen würde.

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