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Parteien in Deutschland : Die Grauen

29.12.2012 00:00 Uhrvon
Sechzig plus – dafür wird nicht nur die SPD irgendwann keine eigene Arbeitsgemeinschaft mehr brauchen. Die Parteien altern – mit Ausnahme der Grünen – noch schneller als die Gesellschaft.Bild vergrößern
Sechzig plus – dafür wird nicht nur die SPD irgendwann keine eigene Arbeitsgemeinschaft mehr brauchen. Die Parteien altern – mit Ausnahme der Grünen – noch schneller als die... - Foto: dapd

Immer weniger Bürger machen in Parteien mit - nur die Grünen und Piraten haben Zuwachs. Die Überalterung schreitet fort, vor allem bei Union und SPD. Und Frauen sind überall unterproportional vertreten. Der Berliner Politologe Oskar Niedermayer sagt: Parteien sind nicht attraktiv genug für junge Leute.

Berlin - Die Überalterung der Parteien schreitet fort. Vor allem die Mitgliederschaft von Union und SPD wird zunehmend älter. Und der Mitgliederschwund ist ungebremst – außer bei den Grünen (und natürlich den Piraten als Neugründung). CDU und SPD sind 2011 unter die Halbemillionmarke gerutscht. Der Berliner Politikwissenschaftler Oskar Niedermayer beobachtet die Entwicklung seit Jahren. „Es ist nicht so, dass Junge nicht mehr in Parteien gehen. Aber es sind zu wenige“, sagt er. Und da Neueintritte meist auf direkte Werbung durch ältere Mitglieder zurückgehen, hat der allgemeine Schwund – von 2,03 auf 1,32 Millionen in den letzten 20 Jahren bei den sechs Bundestagsparteien – fast zwangsläufig zur Folge, dass Nachwuchs ausbleibt.

Das Durchschnittsalter der Mitgliederschaft schwankt mittlerweile zwischen 47 (Grüne) und 60 Jahren (Linke). Deutlicher aber ist eine Zahl, die Niedermayer errechnet hat – der sogenannte Proportionalitätsquotient. Er gibt an, wie Altersgruppen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung vertreten sind. 2010 (das letzte Jahr, für das Daten errechnet wurden) kamen die großen Parteien bei den über 60-Jährigen auf folgende Quotienten: CDU und CSU je 1,64, SPD 1,68. Anders ausgedrückt: Der Anteil liegt gut anderthalbmal so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. 1992 war der Quotient noch deutlich günstiger: CDU 1,24, CSU 1,20, SPD 1,04.

Auch die Linkspartei ist überaltert – der von Niedermayer errechnete Quotient liegt bei 1,68. Doch ist, nicht zuletzt wegen der Fusion mit der WASG, die Altersstruktur nicht mehr ganz so altenlastig wie früher, als die PDS als Traditionsverein von alten SED-Genossen bei den über 60-Jährigen auf einen Quotienten von 2,65 kam (das war 1999).

Bei den Grünen sind die Alten unterrepräsentiert (0,45). Die Partei ist eine Organisation der mittleren Jahrgänge zwischen 31 und 60, sie überwiegen deutlich im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung. Der Quotient hier: 1,43. Die Tendenz: leicht fallend. Auch bei den Grünen wächst die Zahl der Grauen. Im Vergleich zu Union, SPD und Linken sind die Jungen, also Bürger bis 30 Jahre, bei den Grünen aber deutlich besser vertreten, wenn auch nicht gemäß ihrem Bevölkerungsanteil. Die Partei kommt hier auf einen Wert von 0,76. CDU und SPD haben hier nur einen Anteil, der einem Drittel des Bevölkerungsanteils entspricht. Der CSU-Quotient liegt noch darunter, bei 0,22.

Bleibt die FDP. Sie ist, was die Altersstruktur angeht, noch die ausgewogenste Partei. Zwar sind die Jüngeren auch unterrepräsentiert, aber mit 0,61 weniger stark als bei Union und SPD. Und die mittleren (1,09) und alten Jahrgänge (1,12) sind ungefähr gemäß der Gesamtbevölkerung beteiligt. Aber auch für die FDP gilt, dass der Altenanteil zulasten der Jüngeren wächst. Ein Problem aller Parteien, wenn auch mit Unterschieden, ist die unterproportionale Vertretung von Frauen: Der Quotient reicht von 0,73 bei der Linken bis 0,37 bei der CSU.

Die Rekrutierungsfähigkeit – oder weniger akademisch: die Beliebtheit – der Parteien nimmt nach Niedermayers Zahlen beständig ab. Waren 1980 noch vier Prozent der Beitrittsberechtigten (also Erwachsene und Jugendliche ab 16 Jahren) in einer Partei, so hat sich dieser Anteil bis heute halbiert.

Und Lichtblicke? Gibt es. Punktuell. Bei der CDU etwa. Die verlor in Bremen nur 20 Prozent ihrer Mitglieder seit 1990, was relativ gut ist, zumal im Vergleich zur dortigen Dauerregierungspartei SPD. Die verlor 60 Prozent. In Thüringen wiederum sind die Sozialdemokraten geradezu Überflieger – ein Plus von 28,9 Prozent (ihr einziger Zuwachs neben Brandenburg mit 9,8 Prozent). Die FDP verlor im Osten praktisch die gesamte alte LDPD-Blockparteitruppe, im Stammland Baden-Württemberg aber blieb der liberale Haufen zusammen (das Minus liegt nur bei 3,5 Prozent). Und während die Linke im Herrschaftsgebiet ihrer Vorgängerin fast so stark verlor wie die FDP, gelang im Saarland dank Oskar Lafontaine ein Plus von sage und schreibe 11 440 Prozent. Das lässt Hedgefondsmanager erblassen.

Kann die allgemeine Überalterung schnell gestoppt werden? Niedermayer ist eher skeptisch. „Junge haben ihre eigenen Vorstellungen von Politik, und die beißt sich mit der Wirklichkeit in vielen Ortsvereinen“, sagt er. Jüngere verbänden mit politischer Arbeit auch Spaß, seien eher kurzfristig orientiert, neigten nicht zur Ochsentour, wollten sich eher punktuell beteiligen. Für die SPD gilt zudem, dass es links der Mitte auch Grüne, Linke und Piraten gibt, drei andere Möglichkeiten also, mitzutun. „Und außerhalb des Parteiensystems sind die Möglichkeiten heute weitaus vielfältiger, sich politisch zu engagieren.“

Mit Schnuppermitgliedschaft oder projektbezogener Mitarbeit versuchen die Parteien, das aufzunehmen – aber die gescheiterte Parteireform der SPD hat laut Niedermayer gezeigt, dass die Widerstände gegen neue Organisationsformen in der mittleren Funktionsärsebene groß sind. Und die Überalterung vor allem der Großparteien führe dazu, dass sie tendenziell eher Politik für Ältere machen. „Das ist ein zusätzlicher Abschreckungsfaktor“, meint Niedermayer.

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