Buchtipp : Schlachtfeld Afrika

Der Journalist Marc Engelhardt erklärt in seinem Buch "Heiliger Krieg – heiliger Profit", warum sich auf dem afrikanischen Kontinent Terror und Kriminalität ausbreiten.

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Frauen im Senegal protestieren gegen den Terror von Boko Haram in Nigeria.
Frauen im Senegal protestieren gegen den Terror von Boko Haram in Nigeria.Foto: AFP

Die Verteidigungsministerin hat vor einiger Zeit Afrika als ein bevorzugtes Betätigungsfeld für die künftige deutsche Außenpolitik ausgemacht. Aufgaben gibt es auf Europas Nachbarkontinent in der Tat genug, scheint dort doch ein Staat nach dem anderen in Terror und Bürgerkrieg zu versinken: Somalia, Mali, die Zentralafrikanische Republik, Südsudan und nun auch Nigeria, wo die islamische Bewegung Boko Haram inzwischen beinahe im Wochenrhythmus Bombenanschläge verübt oder christliche Dörfer überfällt. Nun haben die islamischen Kämpfer mehr als 200 Schulmädchen entführt und zur Schau gestellt. Doch wer oder was verbirgt sich hinter Boko Haram? Und wie gefährlich sind diese neuen afrikanischen Terrorbewegungen für Europa? Diesen Fragen geht der Journalist Marc Engelhardt in seinem Buch über Afrika „als neues Schlachtfeld des internationalen Terrorismus“ nach.

Mit Hilfe von Al Qaida und muslimischen Afghanistan-Veteranen

Allein die Tatsache, dass derzeit tausende Flüchtlinge vom afrikanischen Kontinent aus nach Europa aufbrechen und Woche für Woche viele von ihnen im Mittelmeer ertrinken, zeigt, dass sich die Lage in vielen Staaten dramatisch verschärft hat. Engelhardt hat lange in Afrika gelebt und die meisten der heutigen Krisenstaaten selbst bereist. Nigeria ist dabei exemplarisch für viele: ein an Rohstoffen reiches Land, in dem es weiten Teilen der Bevölkerung heute dennoch schlechter geht als vor 20, 30 Jahren und die wirtschaftlichen Verteilungskämpfe entlang ethnisch-religiöser Frontlinien verlaufen. Auf diesem Nährboden gedeiht auch Afrikas neuer Terror, der sich nur zum Schein einen ideologischen Anstrich gibt, wie Engelhardt schlüssig darlegt. Boko Haram etwa heiße „westliche Erziehung ist Sünde“, doch der Name, so zitiert Engelhardt einen Experten, sei nichts weiter als ein Deckmantel für kriminelle Aktivitäten aller Art. Engelhardt selbst sieht in Boko Haram vor allem „einen Offenbarungseid des nigerianischen Staates, der dank seiner Öleinnahmen einer der reichsten auf dem Kontinent sein könnte“.

Ähnliche Bilder zeichnet er für Mali, Somalia, Guinea-Bissau und auch den Tschad. „Ohne die massive Korruption, ohne Nepotismus und die Billigung der Aufgabe staatlicher Strukturen hätte keine Terrorgruppe so viel Zulauf gehabt“, schreibt der frühere Afrikakorrespondent. Und Verstärkung bekommen diese Gruppen offenbar durch Veteranen und Waffen aus Libyen, Algerien oder Afghanistan. Die meisten halten außerdem mehr oder weniger engen Kontakt zu Al Qaida. Auch das Führungspersonal von Boko Haram, so hat Engelhardt recherchiert, ist in Terrorcamps des Netzwerks ausgebildet worden.

Europa ist nicht das Ziel der Terroristen

Eine „dschihadistische Front auf dem Weg nach Europa“ sieht Engelhardt zwar nicht, doch das Szenario, das er entwirft, dürfte langfristig nicht minder gefährlich für uns sein, denn der Autor beschreibt, was hinter dem Terror steckt: global operierende kriminelle Netzwerke, die in Afrika neue Basen aufbauen, um von dort aus Europa mit Drogen und sogar mit Adoptivkindern zu beliefern. Die Fakten, die Engelhardt durch eigene Anschauung, akribische Recherche und Experteninterviews zusammenträgt, sind atemberaubend – wenn auch in ihrer Detailfülle mitunter überfordernd. Er bettet sie ein in beispielhafte Geschichten, wie die einer Boing 727, die 2009 statt wie angemeldet von Mali aus in den Senegal zu fliegen in Logbüchern im venezolanisch- kolumbianischen Grenzgebiet auftaucht. Zurück in Mali erleidet die Maschine einen mysteriösen Totalschaden im Norden des Landes, obwohl kein Absturz beobachtet wurde. Vieles deutet laut Engelhardt darauf hin, dass hier Kokain im Wert von mehreren Millionen Euro eingeflogen wurde, das von Mali aus seinen Weg nach Europa fand. Und dass ein Teil des Geldes bei Al Qaida landete. Guinea- Bissau, ein Land, das in Deutschland kaum wahrgenommen wird, hat sich unterdessen sogar zu einer Art Narkostaat verwandelt, in dem kolumbianische Drogenkartelle faktisch die Macht übernommen haben.

Alte Kolonialmächte wie Frankreich spielen noch immer eine fragwürdige Rolle

„Solange Europäer, Amerikaner und Chinesen solche Zustände ignorieren, um sich selbst Vorteile und Ressourcen zu verschaffen, werden Terrorgruppen blühen“, schreibt Engelhardt, der sich besonders mit der Rolle Frankreichs in Afrika beschäftigt. Für Deutschlands Nachbarland, das 80 Prozent seines Stromverbrauchs aus Atomkraft deckt, sind nicht zuletzt die Uranvorkommen auf dem Kontinent von strategischer Bedeutung. Der französische Atomkonzern Areva betreibt eine Uranmine in Niger, deren Vorräte aber laut Engelhardt schwinden. Deshalb rückten zwei andere Staaten mit mutmaßlich großen Uranvorkommen in den Fokus des Staatsunternehmens: Mali und die Zentralafrikanische Republik. Frankreich ist in beiden Ländern seit langem wirtschaftlich engagiert und zögerte nicht, militärisch einzugreifen, als sie im vergangenen Jahr von Krieg und Terror überrollt wurden. Deutschland unterstützt diese Militäreinsätze und hat ebenfalls Truppen und Gerät entsandt.

Engelhardt zeigt, dass Frankreich diese Krisen mitverschuldet hat. Denn so lange afrikanische Potentaten französischen Unternehmen Zugang zu ihren Rohstoffen garantieren, befindet sich ihre Entourage unter dem Schutz Frankreichs und darf sich auf Kosten der Bevölkerung bereichern. „Kriminelle Banden holen sich deshalb mit Gewalt das, was nach Ansicht auch der friedliebenden Mehrheit der lokalen Bevölkerung zusteht“, schreibt Engelhardt und zieht die Verbindung zu den jüngsten Terror- und Gewaltexzessen in der Region.

Angesichts dieser Entwicklungen täte die Bundesregierung sicher gut daran, sich dem afrikanischen Kontinent stärker zuzuwenden – ohne dabei ihren Partnern, allen voran Frankreich, kritiklos hinterherzulaufen.

Foto: Ch. Links Verlag


Marc Engelhardt: Heiliger Krieg – heiliger Profit. Afrika als neues Schlachtfeld des internationalen Terrorismus. Chr.Links Verlag, Berlin 2014. 223 Seiten, 16,90 Euro.

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