Carl Schurz' Erinnerungen : Lincolns Vertrauter

Vom Revolutionär in Deutschland zum Republikaner in den USA: die Erinnerungen von Carl Schurz. Eine Rezension.

Hannes Schwenger
Carl Schurz, vermutlich 1877.
Carl Schurz, vermutlich 1877.Foto: Wikipedia

Die Geschichte der deutschen Demokratie ist reich an republikanischen Niederlagen (1849, 1933) und arm an entschiedenen Streitern für die Republik. Stattdessen hat Deutschland eine besondere Spezies von Republikanern hervorgebracht – „Vernunftrepublikaner“ versus „Gesinnungsrepublikaner“, von denen es in der ersten deutschen Republik von Weimar so wenige gab, dass Theodor Eschenburg von einer „Republik ohne Republikaner“ sprach.

Selbst Bismarck bekannte ihm seinen Respekt

Man muss schon bis zur Revolution von 1848 zurückgehen, um auf leuchtende Vorbilder deutscher Gesinnungsrepublikaner zu stoßen – oder bis nach Amerika, wo einer von ihnen zum Mitstreiter und Vertrauten Abraham Lincolns und Innenminister der USA aufstieg: Carl Schurz, als Student Mitkämpfer und – nach der Niederlage der Demokraten von 1848 – Befreier Gottfried Kinkels aus der Spandauer Festungshaft. Beider Fluchtweg führte ins Exil nach London, die Odyssee von Carl Schurz über Paris bis nach Amerika, wo er als Freiwilliger im Bürgerkrieg und als Senator und Innenminister der republikanischen Partei zum bekanntesten Exponenten der Amerikadeutschen wurde. Als Journalist war er unter anderem Chefredakteur einer deutschsprachigen Tageszeitung. Er war ein entschiedener Gegner der Sklaverei, der korrupten Parteiwirtschaft und jeder Form von Imperialismus. Seine deutsche Heimat sah er erst als amerikanischer Bürger und Staatsmann wieder, dem selbst Bismarck seinen Respekt bekannte und scherzte, „die Sache mit Kinkel“ habe ihm sogar „Spaß gemacht“.

Den Gefängniswärter, der Kinkel und Schurz geholfen hatte, kostete der Spaß allerdings den Job und drei Jahre Gefängnis; das Geld, das Kinkels Freunde für ihn gesammelt hatten, konnte er aber beiseitebringen. Der Hauptspaß war ohnehin aufseiten der beiden Flüchtlinge, die das Gelingen in ihrem ersten Versteck bei einer Flasche Wein „auf die glückliche Wiedergeburt“ und das Wohl ihres tapferen Helfers tranken. So erinnerte sich Schurz noch nach Jahrzehnten in seinen Memoiren, die im Jahr seines Todes 1906 erschienen. Dem ersten, in deutscher Sprache verfassten Band über seine Kindheit, Jugend und europäischen Exiljahre in London und Paris folgte 1907 ein zweiter unvollendeter Band in englischer Sprache. Er schildert seine politische und militärische Karriere in Amerika bis zu seiner Wahl – als erster „Fremdgeborener“ – in den Senat. Auch eine deutsche Version erschien sogleich in der, wie ihr jüngster Herausgeber im Nachwort urteilt, „durchaus ungelenken und gekürzten“ Übersetzung durch seine Töchter. Wir lesen sie deshalb in der Neuausgabe mit ausführlichen Anmerkungen und Ergänzungen aus seinem Briefwechsel.

Obwohl das gesamte Werk schon auf über tausend Seiten kommt, ist auch ein einleitender Essay von Uwe Timm keine überflüssige Zutat. Mit Recht wundert sich der „Achtundsechziger“ Timm, dass der „Achtundvierziger“ Schurz von der deutschen Studentenbewegung „nicht als einer der vergessenen Revolutionäre entdeckt, publiziert und diskutiert wurde“. Schließlich fehlt es nicht an Parallelen: Auch damals standen am Anfang studentische Demonstrationen und „Konflikte mit der Polizei, in denen wir jedoch zu Anfang leicht Meister blieben“. Auch eine Steuerverweigerungskampagne der Studenten sah anfangs noch „einigermaßen wie ein Spaß aus, da diese ja keine Steuern zahlten“. Schurz erzählt noch im Alter mit revolutionärem Feuer, wie aus der studentischen Spaßguerilla nach der Auflösung des Paulskirchenparlaments und Räumung der Berliner Barrikaden militante Demokraten und bewaffnete Verteidiger der süddeutschen Republiken wurden. Und er fügt hinzu, wie er später als Freiwilliger im amerikanischen Bürgerkrieg die Pistolen wieder hervorholte, „die ich bei der Befreiung Kinkels bei mir getragen hatte“.

Von Marx war er wegen dessen Arroganz enttäuscht

Uwe Timm hat auch eine Vermutung, warum Schurz von der deutschen Studentenbewegung 1968 nicht wiederentdeckt wurde: „Möglicherweise missfiel der radikal basisdemokratischen, auch gewaltbereiten Linken, dass Schurz später – nach seiner revolutionären Zeit – in den Vereinigten Staaten so entschieden eine ,reformistische‘ Politik betrieben hat. Denn das ist der rote Faden seiner Lebenserinnerungen: die Wandlung vom bewaffneten Revolutionär zum reformeifrigen Republikaner.“ Doch als SDS-Mitglied oder DKP-Sympathisant wie der junge Timm hätte Carl Schurz auch in seiner revolutionären Zeit nicht getaugt. Er war und blieb ein wehrhafter Demokrat, nicht mehr und nicht weniger. Von Karl Marx, dem er im Jahr 1848 in Köln schon „als Haupt einer sozialistischen Schule“ begegnete, war er wegen dessen „unerträglicher Arroganz“ enttäuscht. Schurz erinnerte sich noch nach Jahrzehnten des „ausspuckenden Tones, mit welchem er das Wort ,Bourgeois‘ aussprach“. Er selbst habe daraus die Lehre gezogen, „daß, wer ein Führer oder Lehrer des Volkes sein will, seine Zuhörer mit Achtung behandeln muß“.

Es war diese Überzeugung, mit der er als republikanischer Politiker und Wahlkämpfer legendäre Erfolge feierte und seinem Präsidenten Lincoln Stimmen bei seinen deutsch-amerikanischen Landsleuten gewann. Über seine rhetorischen Feldzüge berichtet er im zweiten Band der Memoiren fast so ausführlich wie über die militärischen im amerikanischen Bürgerkrieg, den er im Rang eines Generalmajors beendete. Weniger glücklich war er als Berater von Lincolns Nachfolger Johnson, in dessen Auftrag er die geschlagenen Südstaaten bereiste, ohne sich mit seinen Empfehlungen für deren Rückgliederung in die Union und sofortiges gleiches Wahlrecht für die befreiten Sklaven des Südens durchsetzen zu können.

Diesen Teil seiner Erinnerungen werden deutsche Leser anders lesen als die amerikanischem, für die sie als Rechenschaftsbericht gedacht waren. Sein Freund und Kollege als Journalist, Mark Twain, hat sich sogar als seinen „dankbaren Schüler in Staatsbürgerkunde“ bekannt. Wer den zweiten Band vor allem als Geschichte der Integration, Spaltung und Wiedervereinigung der Vereinigten Staaten liest, sollte nicht auf die Lektüre der Vor- und Nachworte und – kleingedruckten – Anmerkungen verzichten, die den persönlichen Rechenschaftsbericht historisierend umrahmen. Schurz sei, schließt das Nachwort des Herausgebers, in Amerika bekannter als in Deutschland. Das ist wahr, sollte aber nicht so sein.

Carl Schurz: Lebenserinnerungen. Wallstein Verlag, Göttingen 2015. Zwei Bände. 1276 Seiten, 39 Euro. Der Band ist eine Edition der Wüstenrot Stiftung und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung im Wallstein Verlag.

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