Deutsch-britische Beziehungen : Niemand will den "Brexit"

Die Deutschen wollen nicht führen, die Briten wollen nicht noch weiter rein - dennoch brauchen sich beide Länder in Europa: Ein Essay-Band analysiert die deutsch-britischen Beziehungen.

John Whitehead
Begrüßung oder Abschied? Queen Elizabeth II. und Kanzlerin Angela Merkel im März 2014 im Buckingham Palace.
Begrüßung oder Abschied? Queen Elizabeth II. und Kanzlerin Angela Merkel im März 2014 im Buckingham Palace.Foto: dpa

Angela Merkel war gerade auf Staatsbesuch in Großbritannien, als ich dieses Buch zu lesen begann. Der Besuch bei David Cameron und Queen Elizabeth machte deutlich, wie wichtig die Beziehungen zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich heute sind. In diesem Jahr erinnern wir uns daran, dass vor 300 Jahren ein Kurfürst aus Hannover die englische Thronfolge übernahm und vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg ausbrach. Der Band „Common Destiny vs. Marriage of Convenience“ („Gemeinsames Schicksal oder Pragmatische Verbindung“) der König Eduard VII.-Stiftung hätte also kaum zu einem passenderen Zeitpunkt erscheinen können.

Das Buch trägt äußerst vielschichtige Essays von namhaften Beobachtern der deutsch-britischen Beziehungen wie Lord Heseltine, Wolfgang Ischinger, Will Straw und Roman Herzog zusammen. Die Beiträge sind gespickt mit aufschlussreichen Details, durch die der Leser einen Eindruck über einige Wesenszüge unseres Nationalcharakters bekommt. Nur selten gelingt es zeitgeschichtlichen Kommentatoren, mit den Mythen aufzuräumen, die hinter gängigen Vorurteilen und Klischees über Deutsche und Briten stecken. Und darum ist dieses Buch anders: In einigen Kapiteln werden Erfahrungen aus erster Hand geschildert – aus der Arbeitswelt und dem wirklichen Leben. Besonders gelungen sind die Passagen, die zeigen, wie sich diese Beziehungen im Alltag darstellen.

Allerdings bin ich nach vier Jahren in Deutschland immer noch überrascht, wie wenig wir wirklich voneinander wissen. Dabei führt erst intensive kulturelle Auseinandersetzung dazu, dass wir mit Sicherheit und Überzeugung sagen können, worin das gemeinsames Schicksal bestehen könnte. Beispielsweise greifen die Autoren gleich zu Anfang das Drama um die Frage nach einer gesamteuropäischen Identität auf. Es dauerte mehr als zwei Jahre, bis die EU-Mitgliedstaaten sich auf ein Abkommen dazu einigen konnten. Und so wie es aussieht, werden wir uns vor Ende 2014 wieder etwas weiter von der Vision eines föderalen, kulturell vielfältigen Europas entfernt haben: Die Wahlen zum europäischen Parlament stehen bevor und politische Parteien wie Ukip und der „Alternative für Deutschland“ bekommen weiter Zulauf. Hinzu kommt das Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands im September.

Doch wird die Vision weder durch die Misswirtschaft, die zur Finanzkrise geführt hat, noch durch die seit Jahrhunderten tobenden Machtkämpfe um die europäische Vorherrschaft auf die Probe gestellt. Viel entscheidender sind heute zwei andere Themen: Deutschlands Unbehagen an der eigenen Führungsrolle und der britische Widerwille gegen eine stärkere Integration in die EU. Um Hans Kundnanis Fragestellung zu zitieren: Sind es womöglich die Loslösung Großbritanniens und die Dominanz Deutschlands in dieser Frage, die dazu führen, dass wir uns voneinander entfernen und abschirmen, um die eigenen nationalen Interessen zu sichern? Oder tobt vielleicht sogar ein Kampf der Kulturen, in dem sich traditionell unterschiedliche Haltungen dazu, wie Politik gemacht werden soll, gegenüberstehen, wie ihn Imke Henkel in ihrem Essay beschreibt?

Wie dem auch sei, unsere Länder haben sich gegenseitig viel zu bieten. Der wirtschaftliche Erfolg, für den das deutsche Modell steht, sowie der Pragmatismus und „common sense“ der Briten werden im Buch als wichtige Leitmotive der EU genannt. Doch sicher reichen sie nicht aus. Der Industriemanager Jürgen Grossmann und auch andere Autoren argumentieren, dass ein britischer Austritt aus der Union, ein sogenannter ‚Brexit’, schädlich für alle Beteiligten wäre und unbedingt vermieden werden sollte. Und selbst wenn die Entwicklung dahin geht, dass sich der Kreis der europäischen Kernstaaten immer enger schließt, während Großbritannien und andere Staaten außerhalb der Euro-Zone bleiben, unternahmen Merkel und Cameron beim Staatsbesuch Schritte in Richtung eines versöhnlichen Ansatzes. Wie es aussieht, könnte das Verhältnis zwischen Deutschland und Großbritannien zukünftig sehr wohl die Form einer Zweckehe annehmen, die den Schutz eines gemeinsamen Schicksals garantieren würde. Doch erfordert eine solche Beziehung harte Arbeit und Mut, ähnlich wie damals bei den Gründervätern der EU vor einem halben Jahrhundert.

Zusätzlich macht die Publikation deutlich, wie sehr sich die Haltungen diesseits und jenseits der Nordsee mit der Zeit verändert haben. Der Tenor scheint zu sein: Wenn sich gewisse Unterschiede nicht aus der Welt schaffen lassen, ist es das Beste, diese zu akzeptieren und trotzdem eine Übereinstimmung zu suchen – zum Wohl beider Länder und Europas. Deutschland habe das notwendige Format und die wirtschaftliche Stärke, um in diesem Prozess eine Schlüsselrolle zu spielen, meint Janan Ganesh. Doch gerade weil Deutschland zunehmend mehr Energie für die Lösung der Euro-Krise aufbringe, bestehe laut Ganesh die Gefahr, dass sich eine zunehmende Inwärtsgewandheit und Fixierung auf EU-Interna vollziehen könne.

Großbritannien ist aufgrund seines starken Einflusses und seines weitgefassten, globalen Denkansatzes ein offensichtlicher Partner der EU. Die größte Herausforderung für Pro-Europäer in Großbritannien besteht allerdings darin, diese Sicht der Dinge auf eine Art und Weise zu kommunizieren, die zu dem breiten Konsens führt, dass das Vereinigte Königreich zukünftig nur aus der EU heraus als Global Player erfolgreich sein kann. Es stellt sich die Frage, ob die momentan amtierenden pro-europäischen Politiker in Großbritannien es schaffen werden, einen weit gefassteren und visionäreren Ansatz für die EU zu finden, anstatt sich mit rein technisch-wirtschaftliche Statistiken zu befassen.

Merkel zu Besuch in Großbritannien
Bei der britischen Königin war die Kanzlerin zum Tee eingeladen.Alle Bilder anzeigen
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27.02.2014 18:17Bei der britischen Königin war die Kanzlerin zum Tee eingeladen.

Denn für Wähler gibt es nichts Langweiligeres als die ständige Beschäftigung mit Zahlen und Statistiken. Seit meiner Rückkehr nach England habe ich mit Überraschung festgestellt, wie sehr die Politiker hierzulande Zahlen vorschieben, um Diskussionen über die wirklich dringenden Themen zu vermeiden. Ganz egal, ob man Roman Herzog in seiner Analyse der europäischen Krise beipflichtet oder nicht, er hat in einem Punkt recht: Die EU steckt in einer echten Legitimitätskrise. Es besteht die große Gefahr, dass die Öffentlichkeit zunehmend abschaltet und die Anti-Europäer sich durchsetzen werden – denkt man zum Beispiel an das in Großbritannien herrschende Vertrauensdefizit und die im Großen und Ganzen EU-feindlichen Tendenzen der Medien. Solange die Politik nicht imstande ist, Verbindlichkeit zu schaffen und die Wähler in die Debatte über Europa einzubinden, ergibt ein EU-Referendum in Großbritannien keinerlei Sinn. Die Deutschen finden die lauwarme Position der Briten sicher irritierend – aber genau das ist der Grund, warum wir zusammenarbeiten sollten, um neue Möglichkeiten für eine gemeinsame Richtung in Europa zu finden.

Das stärkste Argument für eine engere Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Großbritannien ist, dass Europa ein wichtiger Akteur auf internationaler Ebene bleiben sollte. Ralf Retter argumentiert in seinem Essay für eine stärkere Beteiligung Europas in internationalen Angelegenheiten, weil diese die Stabilität und den Wohlstand der europäischen Bevölkerung fördere. Die momentane Inwärtsgewandtheit vieler Mitgliedsstaaten hat Europas Handlungsspielraum so weit eingeschränkt, dass wir nicht angemessen auf außenpolitische Entwicklungen wie den Arabischen Frühling reagieren konnten. Europäer sollten Werte und Ziele des internationalen Engagements der EU konkretisieren – und dazu braucht es eine starke Beteiligung Deutschlands und Großbritanniens. Eine reine Zweckehe reicht hier nicht aus. Wir brauchen die gegenseitige Verpflichtung, dass wir uns mit einem frischen Blick an die Arbeit für ein gemeinsames Schicksal machen.

Der Autor war bis Februar 2014 Direktor des British Council in Deutschland.

Common Destiny vs. Marriage of Convenience. What do Britons and Germans want from Europe? Hrg. von Isobel Finkel, John F.Jungclaussen, Peter Littger, Charlotte Ryland. KE7 Publishing, London 2014. 275 Seiten, 16,80 Euro.

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