Die Geschichte des Romans "Doktor Schiwago" : „Du hast ganz Russland verraten!“

Boris Pasternak zwischen den Fronten: Peter Finn und Petra Couvée über „Die Affäre Schiwago“. Eine Rezension.

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Noch mehr Gegengift. Julie Christie und Omar Sharif in der Verfilmung von „Doktor Schiwago“ (1965).
Noch mehr Gegengift. Julie Christie und Omar Sharif in der Verfilmung von „Doktor Schiwago“ (1965).Foto: mauritius images

Man schreibt das Jahr 1932, als Stalin im Moskauer Wohnhaus von Maxim Gorki die Mitglieder des sowjetischen Schriftstellerverbands um sich schart. „Unsere Panzer sind wertlos, wenn die Seelen, die sie lenken müssen, aus Ton sind“, erklärt der Sowjetführer, um den versammelten Literaten ihre künftige Aufgabe im sozialistischen Staatswesen nahezubringen. Es ist die Geburtsstunde des „Sozialistischen Realismus“, jenes doktrinären Literaturgenres, das der Formung des neuen, sozialistischen Menschentyps dienen soll. „Deshalb“, beschließt Stalin seine Ansprache, „erhebe ich mein Glas auf euch, Schriftsteller, auf die Ingenieure der Seele!“

Rund drei Jahrzehnte später wird auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs ein verblüffend ähnliches literarisches Credo formuliert. „Bücher unterscheiden sich von allen anderen Propagandamedien“, schreibt in einem Arbeitsbericht der Mann, der beim US-Auslandsnachrichtendienst CIA die Abteilung für verdeckte Operationen leitet. „Vor allem deshalb, weil ein einziges Buch die Haltung und Handlungsweise des Lesers bedeutend verändern kann, und zwar in einem Ausmaß, wie es kein anderes Einzelmedium vermag.“ Bücher, schließt der Geheimdienstler, seien die „wichtigste Waffe langfristiger strategischer Propaganda“.

Pasternak gehörte zu den gefeierten Lyrikern

In den drei Jahrzehnten, die zwischen beiden Äußerungen liegen, schrieb Boris Pasternak seinen ersten und einzigen Roman „Doktor Schiwago“. Nicht nur zeitlich geriet der Schriftsteller damit ins Spannungsfeld zweier ideologisch entgegengesetzter, aber ähnlich instrumenteller Auffassungen von Literatur. Die Sowjetführung fasste Romane als Mittel der Erziehung zum Kommunismus auf, der US-Geheimdienst als antikommunistisches Gegengift. Wie beides Pasternak zum Verhängnis wurde, beschreiben die Autoren Peter Finn und Petra Couvée in ihrem Buch „Die Affäre Schiwago“.

1890 in Moskau geboren, gehörte Pasternak im vorrevolutionären Russland zunächst zu den gefeierten Lyrikern des sogenannten „silbernen Zeitalters“. Die Idee, ein Prosawerk über die Wirren des frühen Sowjetstaats zu schreiben, begann Pasternak im Zweiten Weltkrieg zu beschäftigen. Ein gutes Jahrzehnt dauerte es dann noch, bis sein „Wahn“, sein „letztes Glück“ (Pasternak über Schiwago) in Manuskriptform vorlag.

Dass die Chancen für eine Veröffentlichung in der Sowjetunion schlecht standen, war Pasternak bewusst. Jurij Schiwago, der Arzt und Dichter, der im Buch an der menschenverachtenden Grausamkeit der Revolution verzweifelt und zugrunde geht, war deutlich nicht die Art von Held, die der „Sozialistische Realismus“ propagierte. Bewusst war Pasternak auch, dass eine Veröffentlichung im Ausland ihn in Gefahr bringen würde – einer seiner Moskauer Nachbarn war wegen eines ähnlich gearteten „Vergehens“ in Stalins Lagern umgekommen. Trotzdem willigte Pasternak ein, als ihm 1956 ein italienischer Literaturagent vorschlug, eine Manuskriptkopie ins Ausland zu schmuggeln.

Die erste Fassung von „Doktor Schiwago“ erschien 1957 auf Italienisch. Eine russischsprachige Originalausgabe – Voraussetzung für den Literaturnobelpreis, der Pasternak bereits im Folgejahr zugesprochen wurde – tauchte 1958 unter mysteriösen Umständen bei der Weltausstellung in Brüssel auf. Im Pavillon des Vatikans wurde der 700 Seiten starke, in blaues Leinen gebundene Roman an Besucher verteilt, bevorzugt an solche aus dem Ostblock. In Auftrag gegeben und finanziert hatte den Druck des Buchs, wie die Aktenfunde von Finn und Couvée nun belegen, die CIA.

Pasternak sah sich gezwungen, den Nobelpreis abzulehnen

Wem die peinliche Brüskierung zu verdanken war, konnte die Sowjetführung nur vermuten – weshalb sich ihr Zorn an Pasternak entlud. Funktionäre überboten sich gegenseitig mit öffentlichen Demütigungen des Schriftstellers: Als „räudiges Schaf“ beschimpfte ihn der Komsomol- Vorsitzende Wladimir Semitschastnyj, dessen Rede Nikita Chruschtschow persönlich geschrieben haben soll: „Nicht einmal ein Schwein tut, was Pasternak getan hat. Er hat das Land besudelt, dessen Brot er isst, er hat das Volk beschmutzt, von dessen Arbeit er lebt.“ Ein sicher von offizieller Stelle verfasster „Leserbrief“ in der Zeitschrift „Nowyj mir“ ging noch weiter: „Judas an Pasternak: Ich habe nur Jesus verraten, aber du – du hast ganz Russland verraten!“

Unter dem Druck der öffentlichen Schmähungen sah sich Pasternak gezwungen, den Nobelpreis abzulehnen. Die kurze Zeit, die ihm bis zu seinem Tod im Jahr 1960 blieb, fristete er in der Sowjetunion als gemiedene Unperson. Weder flossen ihm die immensen Bucherlöse zu, die die fremdsprachigen Ausgaben seines Buchs im Westen erzielten, noch erlebte er die Romanverfilmung mit, die seinem Helden Schiwago, gespielt von Omar Sharif, 1965 endgültig zum massenkulturellen Durchbruch verhalf.

Im Ostblock dagegen blieb das Buch unveröffentlicht. Lesen konnte es nur, wer eine der heimlich eingeführten CIA-Ausgaben in die Finger bekam. Am Fall Pasternak zeigen Finn und Couvée somit, dass die Literaturförderung des Nachrichtendiensts durchaus Früchte trug, auch wenn ihre Details sehr unklar bleiben. Rund zehn Millionen Bücher und Zeitschriften soll die CIA ab den 50er Jahren bis zum Ende der Sowjetära verdeckt finanziert und in den Ostblock geschmuggelt haben. Welche Titel und Genres sie auf welchen Wegen förderte, unterliegt jedoch jenseits von „Doktor Schiwago“ bis heute der Geheimhaltung.

Pasternak selbst, der von der CIA-Einmischung nie erfahren sollte, war nicht immer glücklich über die politisierte Deutung seines Romans. „Ich bedaure den Lärm, der gemacht wird“, sagte er Ende 1957 dem damaligen ARD-Moskau-Korrespondenten Gerd Ruge. „Alle schreiben sie darüber. Aber wer hat das Buch eigentlich gelesen? Was zitieren sie denn? Immer die gleichen drei Seiten aus einem Buch von 700 Seiten.“

Peter Finn, Petra Couvée: Die Affäre Schiwago. Der Kreml, die CIA und der Kampf um ein verbotenes Buch. Aus dem Englischen von Jutta Orth und Jörn Pinnow. Theiss, Darmstadt 2016. 384 Seiten, 29,95 Euro.

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