Geschichte der "Süddeutschen" : Neue Zeitung, alte Nazis

Geprägt vom Geist der Vergangenheit: Knud von Harbous Buch über die Anfangsjahre der „Süddeutschen Zeitung“. Eine Rezension

Arno Makowsky
1. Oktober 1946: Sonderausgabe der "SZ" zum Ende der Nürnberger Prozesse.
1. Oktober 1946: Sonderausgabe der "SZ" zum Ende der Nürnberger Prozesse.Foto: Bundesarchiv

Wird Deutschland seine Seele retten? Eine große Frage, wenn sie einer im August 1945 stellt, aus dem Exil, mit Blick auf sein Land, auf das Land der Mörder. Der Dichter Franz Werfel stellte diese Frage kurz vor seinem Tod, und er beantwortete sie so: „Objektive Erkenntnis des Geschehens und subjektive Erkenntnis der Schuld“ seien die Grundbedingungen dafür, dass Deutschland seine Nazi-Vergangenheit bewältige.

Objektivität? Erkenntnis der Schuld? Das klingt nach dem Programm einer Zeitung, die sich der Aufklärung und der Wahrheit verpflichtet fühlt. Nach einem Medium wie der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ), die stolz darauf ist, dass ihre ersten Druckplatten am 6. Oktober 1945 aus dem Bleisatz von Hitlers „Mein Kampf“ gegossen wurden. Eine Zeitung, die in den Nachkriegsjahren sicher nicht das „Sturmgeschütz der Demokratie“ war (wie sich der „Spiegel“ gerne selbst bezeichnete), aber doch im Ruf steht, schon in den ersten Jahren der Bundesrepublik ihren Lesern gezeigt zu haben, was liberaler, kritischer, demokratischer Journalismus bedeutet. Die den Deutschen ein wenig geholfen hat, ihre Seele zu retten. Angeblich.

„Als Deutschland seine Seele retten wollte“

Das Image ist nach wie vor intakt. Wer heute an die SZ denkt, dem fallen sofort Namen wie Heribert Prantl ein, der wortgewaltige Chef des innenpolitischen Ressorts, der in Leitartikeln und in Talkshows stets linksliberale Thesen vertritt. Der Ironiker Herbert Riehl-Heyse, der in den achtziger Jahren die CSU als selbstherrliche Staatspartei verspottete. Oder der Kritiker Joachim Kaiser, in dessen Aufsätzen es nie nur um Musik oder Literatur geht, sondern immer auch um die Gesellschaft, in der Kultur entsteht.

Angesichts des untadeligen Rufs dieser Zeitung ist kaum zu glauben, was der Historiker und Germanist Knud von Harbou recherchiert und in einem äußerst lesenswerten Buch aufgeschrieben hat: Die heute liberale „Süddeutsche“ wurde jahrzehntelang von Altnazis schlimmster Sorte geleitet und publizistisch bestimmt. Ein ehemaliger rassistischer Hetzer war zehn Jahre lang Chefredakteur. Und anders als man heute annimmt, war die SZ in den Nachkriegsjahren keineswegs daran interessiert, ihre Leser über die Nazigräuel zu informieren, geschweige denn ihnen ihre Schuld vorzuhalten. Knud von Harbous Buch heißt: „Als Deutschland seine Seele retten wollte“.

Und um Deutschland geht es, nicht nur um eine Zeitung. Die SZ, so wird dem Leser schnell klar, ist ein Beispiel für all das Verdrängen und Vertuschen in der Adenauer-Ära. Und für den Geburtsfehler dieser Republik, das Besetzen wichtiger Posten mit Schreibtischtätern des NS-Regimes.

Wer hat die Inhalte, die politische Linie der SZ in den Nachkriegsjahren bestimmt, was wurde berichtet, was nicht? Knud von Harbou – als ehemaliger stellvertretender Feuilletonchef des Münchner Blattes selbst ein Insider – hat 30 000 Zeitungsseiten ausgewertet, den Politik-und Kulturteil analysiert. Dabei erkannte er eine „klare braune Kontaminierung“.

Das Thema Nationalsozialismus sparte die Zeitung sorgfältig aus. Welcher Geist in diesen Jahren in der SZ und anderen Verlagshäusern herrschte, zeigt exemplarisch die Haltung gegenüber Thomas Mann. Der Literaturnobelpreisträger war vor den Nazis ins Exil geflohen. Er kritisierte die Deutschen für ihre Angepasstheit, die Literatur des „Dritten Reichs“ bezeichnete er als wertlos. Worauf er in der Presse als Nestbeschmutzer bezeichnet wurde, seine Kritik galt als „Zeichen größter Undankbarkeit gegenüber den Deutschen, denen er literarischen Ruhm und Einkommen verdankt“.

Proebst selbst schrieb rassistische Propagandatexte

Eine Debatte über Exil und innere Emigration verweigerte die „Süddeutsche“. Dafür wurden immer wieder die Vorzüge des Nazi-Verwaltungsapparats hervorgehoben. „Kontinuierlich wich die SZ dem Gesamtkomplex der Judenvernichtung aus“, schreibt der Autor. Das hat Gründe, die im Führungspersonal der Zeitung zu finden sind.

Da ist zum Beispiel der Mitverleger Franz Joseph Schöningh, der für das Feuilleton zuständig war und mithin als feinsinniger Kulturmensch galt. Schöningh war von 1941 an in der Stadt Tarnopol im besetzten Polen in der deutschen Zivilverwaltung tätig; als stellvertretender Kreishauptmann wirkte er daran mit, das Gebiet „judenrein“ zu machen, den Holocaust zu organisieren. Später bei der SZ war er Miterfinder des legendären „Streiflichts“. Und er schrieb die Leitglosse oft selbst, so wie hier im Jahr 1948: „So wurde ein Volk zur Schlachtbank geführt, das wie jedes andere nur den Frieden gewünscht hätte, wenn man es nicht grenzenlos belogen hätte.“ Er meinte damit die Deutschen, nicht die Juden.

Oder Hermann Proebst, der von 1960 bis 1970 als Chefredakteur wirkte und der noch heute vielen älteren Journalisten als besonnener und kluger Redaktionsleiter in Erinnerung ist. Er war von 1938 an Agent des „Amtes Abwehr“ im Oberkommando der Wehrmacht, später in Kroatien bei der Sicherheitspolizei der SS in Belgrad. Dort leitete er als Herausgeber und Hauptschriftleiter zwei Nazi-Blätter, zu deren Grundsätzen „die Reinigung des Volkskörpers von volksfremden Elementen durch Aussiedlung einschließlich des besonders drängenden Judenproblems“ zählte. Proebst selbst schrieb rassistische Propagandatexte, die den Genozid an Serben, Juden und Roma in Kroatien publizistisch stützten. Bereits 1949 firmierte er dann als Ressortleiter Innenpolitik im Impressum der SZ.

Auf dem gleichen Posten arbeitete in den siebziger Jahren Hans Schuster. Er hatte 1939, nach Tätigkeiten bei der „Abwehr“ in Bukarest und Zagreb, eine Dissertation über die „Judenfrage in Rumänien“ verfasst, die sich, wie Knud von Harbou bemerkt, „liest wie eine wissenschaftlich verbrämte antisemitische Hetzschrift, es war der unverblümte Ruf nach einer Handlungsanleitung für die Eliminierung der Juden nach deutscher Vorlage“. Hans Schuster wurde 1970 Mitglied der SZ-Chefredaktion, verantwortlich für Innenpolitik. Niemand ahnte etwas von seinem Vorleben, das Thema seiner Dissertation hatte er im Entnazifizierungsfragebogen wohl unterschlagen. In der SZ-Redaktion, in der viele junge Journalisten damals Studentenproteste unterstützten und gegen alte Nazis rebellierten, hielt sich länger das Gerücht einer früheren Verbindung Schusters zu einem Geheimdienst – sonst nichts.

Vielleicht ist dies der interessanteste Aspekt in Knud von Harbous Studie: wie perfekt die Verdrängung funktioniert hat. Nicht nur als Camouflage nach außen, sondern wohl auch als eigenes Belügen. Ein letztes Beispiel: Wilhelm Emanuel Süskind, hochgelobter politischer Redakteur und brillanter Reporter, dessen Einfluss weit über die „Süddeutsche“ hinausreichte, Vater des Bestsellerautors Patrick Süskind und des Journalisten Martin E. Süskind.

Knud von Harbou bekam Unterstützung von der Zeitung

W. E. Süskind ist unter anderem bekannt als Koautor des Buches „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“, in dem die Sprache des Nationalsozialismus kritisch beleuchtet wird. Absurd, wenn man weiß, dass W. E. Süskind bis Februar 1945 Mitherausgeber der „Krakauer Monatshefte“ war, einem, wie von Harbou schreibt, „wüsten nationalsozialistischen Propaganda-Periodikum“ mit Texten von SS-Kriegsberichterstattern. Außerdem wirkte er als Autor der stramm linientreuen NS-Zeitung „Das Reich“, deren Leitartikel stets Joseph Goebbels schrieb. Dass Süskind sich außerdem mehrmals positiv über den NS-„Generalgouverneur“ Hans Frank, den „Schlächter von Polen“, geäußert hat, war für die Familie von Thomas Mann der Anlass, ihm die Freundschaft aufzukündigen.

Knud von Harbou: Als Deutschland seine Seele retten wollte. Die Süddeutsche Zeitung in den Gründerjahren nach 1945. Deutscher Taschenbuchverlag, München 2015. 448 Seiten, 26,90 Euro.
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Hans Frank wurde später als Hauptkriegsverbrecher bei den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt. Als Sonderberichterstatter entsandte die Zeitung ausgerechnet W. E. Süskind. Seine Reportagen erschienen später unter dem Titel „Die Mächtigen vor Gericht“ und erfuhren hohe Auflagen. Von seiner Tätigkeit während des Nationalsozialismus war nie wieder die Rede.

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat sich übrigens viele Jahre lang kaum darum bemüht, ihre Vergangenheit aufzuhellen. Das ist heute anders. Knud von Harbou bekam Unterstützung bei der Recherche und der Historiker und innenpolitische Redakteur Joachim Käppner genug Platz in der Zeitung, um mit seinen Berichten über dieses Buch die Denkmäler einiger SZ-Säulenheiliger zu zerstören.

„Als Deutschland seine Seele retten wollte“ ist eine Dokumentation, die sich trotz wissenschaftlicher Kühle nicht nur spannend liest, sondern den Leser fast sprachlos macht angesichts dieser Biografien der Nachkriegszeit, die es so ja nicht nur bei den Medien gab.

Es ist eine Studie über eines der interessantesten Phänomene der ersten bundesrepublikanischen Jahre: über den fast nahtlosen Übergang vom Nazi-Schreibtischtäter zum Schreibtisch-Karrieristen der Demokratie.

– Knud von Harbou: Als Deutschland seine Seele retten wollte. Die Süddeutsche Zeitung in den Gründerjahren nach 1945. Deutscher Taschenbuchverlag, München 2015. 448 Seiten, 26,90 Euro.

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