Kissinger-Biografie : In der Doppelrolle

Der frühe Kissinger: Niall Ferguson macht in seiner Biografie aus dem großen Machtpolitiker einen großen Idealisten. Eine Rezension.

Christian Hacke
Henry Kissinger 1968 als Harvard-Professor.
Henry Kissinger 1968 als Harvard-Professor.Foto: picture alliance / AP

Die bereits erschienenen Bücher über Henry Kissinger füllen ganze Bibliotheken. Doch die Bewertung seiner Person und seines Wirkens ist bis heute erstaunlich konstant geblieben: Auf der einen Seite wird Kissinger als überragender Staatsmann verehrt, auf der anderen als zynischer Machtpolitiker geschmäht.

Kissinger wäre nicht Kissinger, wenn er angesichts zunehmender Kritik die Deutung seines Lebenswerkes nicht selbst in die Hand nähme. Deshalb hat er zur Festigung seines Nachruhms den renommierten Historiker Niall Ferguson für seine offizielle Biografie gewonnen: In diesem ersten von zwei geplanten Bänden wird Kissingers Lebensweg von 1923 bis 1968 sehr ausführlich nachgezeichnet. Das Buch endet mit Kissingers Ernennung zum Sicherheitsberater von Richard Nixon, also bevor Kissinger zu einer historischen Größe der Weltpolitik wurde. Erscheinen tausend Seiten als Prolog zum Weltruhm nicht ein wenig übertrieben? Manches hätte knapper gefasst werden können, doch fördert Ferguson Interessantes zutage, wenn er die Kindheit des jungen Heinz im Fürth der Zwischenkriegszeit, dann die erzwungene Emigration 1938 in die USA und schließlich dessen Rückkehr als Soldat der US-Armee beschreibt.

Er suchte Trost bei Geistesgrößen wie Thukydides, Oswald Spengler und Arnold Toynbee

So zeigen die Tagebücher von Kissinger, zu denen Ferguson Zugang hat, wie sehr der 22-jährige Henry vom Anblick des Konzentrationslagers Ahlem bei Hannover erschüttert war. Menschlich, weil viele Angehörige seiner Familie in den Konzentrationslagern ermordet wurden, und politisch, weil dadurch sein Pessimismus gegenüber den menschlichen Neigung zur Barbarei vertieft wurde. Kein Wunder, dass er später Trost suchte, bei Geistesgrößen wie Thukydides, Oswald Spengler und Arnold Toynbee. Aber es verwundert, dass Kissinger keinen Groll gegen Deutschland hegte. Wie die meisten seiner Alterskohorte deutsch-jüdischer Akademiker, die nach Amerika emigrieren mussten, zu denen unter anderen Hannah Arendt, Hans J. Morgenthau, John Herz gehörten, blieb Henry Kissinger nach dem Zweiten Weltkrieg Deutschland eng verbunden. Auch die deutsche Wiedervereinigung blieb ihm Zeit seines Lebens eine Herzensangelegenheit.

Doch das Brot der frühen Jahre war hart für den jungen Heinz. Dank seiner Intelligenz, seiner Kreativität und seiner Anpassungsfähigkeit entwickelte sich Kissinger ab 1947 unter der Fittiche einflussreicher Lehrer wie Fritz Kraemer in der Armee und William Y. Elliott in Harvard zu einem jungen und vielversprechenden Professor.

Nahezu alle Historiker und Politikwissenschaftler interpretieren Kissingers geistige Entwicklung in dieser Zeit als die eines machtpolitischen Realisten, der Theorie und Geschichte der Internationalen Beziehungen nach Maßgabe von Interesse und Machtbalance analysierte. Alle seine Werke sind von einem tragischen Verständnis von Geschichte durchzogen, das ihn lehrte, die Weltpolitik unter dem Gesichtspunkt des Möglichen zu analysieren. Nicht der Visionär, sondern der klug kalkulierende Staatsmann wurde sein Ideal. Es wäre naiv zu glauben, Kissinger betrachtete Staatsmänner wie Metternich und Bismarck als nachahmenswerte Vorbilder. Vielmehr studierte er sie – nicht ohne Faszination – wegen ihrer machtpolitischen Raffinesse. Doch boten sie ihm vor allem einen historischen Ausgangspunkt, von dem aus er die Probleme unserer Zeit klarer erkennen konnte. Desgleichen sah Kissinger in ihnen Vorbilder, wenn es darum ging, nüchtern Staatsinteressen zum Zwecke einer stabilen Weltordnung auszubalancieren. Im Sinne Max Webers blieb er skeptisch gegenüber allen Gesinnungsethikern und plädierte für Verantwortungsethik, welche die Folgen politischen Handelns bedachte.

Melancholischer Spenglerianer?

Vor diesem Hintergrund erstaunt, dass Niall Ferguson Kissinger, nicht nur im Untertitel, zum Idealisten modelliert. Ferguson bringt ihn mächtig auf Distanz zu einem „machiavellistischen Realismus“ und beschreibt ihn als einen Kantianer, der dem Idealismus viel mehr verdanke als realistischen Vorbildern wie Hans J. Morgenthau. Ferguson geht so weit, Kissingers gesamte geistige Lebenshaltung bis hin zu seinem jüngsten Buch „Weltordnung“ (2014) idealistisch zu verbrämen. Damit will er die gängige Interpretation vom Kissinger’schen Machtrealismus kippen.

Ferguson leitet Kissingers Idealismus aus dessen Bachelorarbeit von 1950 über Spengler, Toynbee und Kant ab: „Dieser Text ist als wahrhaft idealistischer Traktat zu lesen“, erklärt er apodiktisch. Kein Zweifel, der junge Kissinger war nicht ohne Schwärmerei für den europäischen Idealisten Kant. Aber Kissinger hat danach in keinem Buch, in keinem Aufsatz, in keinem Seminar, in keiner Vorlesung und in keiner Rede sich als Idealist im Sinne von Immanuel Kants Ewigen Frieden für Freiheit, republikanische Werte und kollektive Sicherheit geäußert.

Ganz im Gegenteil: Schon in dieser Arbeit war Kissinger vielmehr von Toynbee und vor allem von Spenglers schwermütiger und tragischer Interpretation der Geschichte fasziniert. Nicht ohne Ironie erklärte deshalb Kissingers Harvard-Kollege Stanley Hoffmann schon in den Fünfziger Jahren: „Henry war mitsamt seiner Melancholie ein Spenglerianer, er lief in gewisser Weise mit dem Geist von Spengler an seiner Seite herum.“ Ideen für wirkungsreich zu halten, macht noch niemanden zum Idealisten. Fergusons revisionistische Interpretation ist neu, aber falsch. Sie verstellt den Zugang zu einer faszinierenden Architektur realistischer Weltordnung, die nur verschwindend geringe idealistische Spurenelemente enthält.

Kissingers Dissertation von 1957, „Großmacht Diplomatie“ über die Staatskunst Castlereaghs und Metternich avancierte zum Klassiker des außenpolitischen Realismus. Mit seinem Buch „Kernwaffen und Außenpolitik“ – wegen seines Plädoyers für einen begrenzten Atomkrieg höchst umstritten – zeigte er sich als origineller Denker. Und mit seinen beiden Bestsellern „Die Entscheidung drängt“ von 1960 und „Was wird aus der westlichen Allianz“ von 1965 etablierte er sich endgültig als origineller und kluger Beobachter der internationalen Politik.

Nun suchte man in höchsten Regierungskreisen seinen Rat, und er verstand es, sich unentbehrlich zu machen. Er wurde hofiert, und beeindruckte als Professor die Mächtigen der Welt durch Eloquenz und Witz. Doch seine Doppelrolle als prominenter Professor in Harvard und als Politikberater überforderte nicht selten seine Arbeitskraft, und der unbändige Ehrgeiz verändert ihn auch menschlich. Die schnelle Abfolge von Kriegserfahrung, akademischem Aufstieg, politischem Einfluss und öffentlicher Aufmerksamkeit zeigten Wirkung. Der alte Mentor Fritz Krämer redete seinem Schüler ins Gewissen: „Sie fangen an, nicht mehr menschlich zu wirken, und Leute, die Sie bewundern, beginnen Sie für kühl, vielleicht sogar für kalt zu halten. Sie sind in Gefahr, Ihr Herz und Ihre Seele ausbrennen zu lassen in der pausenlosen Arbeit. Sie sehen zu viel wichtige und zu wenig wirkliche Menschen.“

„Eine Mauer ist verdammt noch mal besser als ein Krieg“

Kissingers Neigung zu Heimlichtuerei, seine Angewohnheit, auf mehreren Hochzeiten zu tanzen, sich nicht festzulegen, Kollegen vordergründig zu schmeicheln, sie aber gleichzeitig gegeneinander auszuspielen, und seine wachsende Egozentrik waren also schon vor 1968 erkennbar. Doch war Kissinger auch fähig zu Freundschaften, wie Ferguson zeigt – besonders dann, wenn sie ihm nutzten, wie zu seinem Harvard-Kollegen, dem angesehenen Historiker und Kennedy-Intimus Arthur Schlesinger. Dessen Rat suchte er besonders, als John F. Kennedy Präsident wurde, in der Hoffnung, ins Weiße Haus berufen zu werden.

Doch Kissinger blieb der Zugang zum inneren Kreis des Präsidenten verwehrt. Ferguson nennt als einen der Gründe Kissingers kompromisslose Haltung während der Berlinkrise 1960/61. Kissinger plädierte für einen „Showdown“ mit militärischen Gegenmaßnahmen zum Mauerbau. Kennedy hingegen argumentierte für Flexibilität: „Eine Mauer ist verdammt noch mal besser als ein Krieg.“

Das sang- und klanglose Ende im Weißen Haus war die logische Konsequenz und für Kissinger eine demütigende Erfahrung. Kein Wunder, dass er 1964 einen Sieg für Nelson Rockefeller und eine Niederlage für Kennedy wünschte, aber die Geschichte verlief anders.

Der Krieg in Vietnam brachte auch Kissinger in die Bredouille, wie Ferguson anschaulich schildert. Öffentlich unterstützte Kissinger die Politik der Regierung Johnson, doch privat äußerte er sich skeptisch. Saigon, das er mehrfach bereiste, faszinierte ihn, denn im Vergleich zum langweiligen Leben in Harvard reizten ihn in Vietnam die politischen Herausforderungen des Krieges.

Kissinger bewunderte die beiden etablierten Hausgötter des Realismus, George F. Kennan und Hans J. Morgenthau. Beide lehnten aber im Unterschied zu Kissinger das militärische Engagement der USA in Vietnam öffentlichkeitswirksam ab. Sie wurden deshalb von der Regierung Johnson geschnitten und verloren ihre Beraterposten, Kissinger dagegen bewahrte sich den Zugang zum Weißen Haus. Sein Opportunismus hatte zunächst obsiegt.

Bis 1968 glaubte Kissinger noch an eine Verhandlungslösung, musste jedoch bald die Ausweglosigkeit des Konflikts erkennen. Jetzt blieb nur noch die Option des geordneten Rückzugs: „Wie kommen wir hier wieder heraus, ohne gedemütigt zu werden?“, fragte er verzweifelt. Hier kündigt sich schon die Maxime der Vietnamstrategie des „Ehrenvollen Frieden“ der späteren Regierung Nixon an.

Vietnam sollte schließlich eine entscheidende Rolle bei der Ernennung von Kissinger zum Nationalen Sicherheitsberater von Präsident Nixon 1968 spielen. Ferguson übernimmt dabei Kissingers Lesart, dass dieser aufgrund eigener kritischer Bemerkungen über Nixons politische Qualitäten wenige Monat zuvor von dessen Offerte völlig überrascht worden sei. Das stimmt nur halb. Als Rockefeller seine präsidentiellen Ambitionen aufgab, orientierte sich Kissinger schnell um und streckte seine Fühler in beide Richtungen aus: zu Richard Nixon, aber auch zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, Hubert Humphrey. Kissinger versprach Humphrey persönliche Informationen über Nixon, umgekehrt versorgte er den Stab Nixons mit vertraulichen Informationen über die Pariser Vietnamgespräche, damit Nixon damit gegenüber Humphrey wahlkampftaktisch punkten konnte. Kissinger spekulierte also darauf, dass er sowohl bei einem Wahlsieg der Demokraten wie auch bei einem der Republikaner auf einen hohen außenpolitischen Posten berufen würde. Er hatte sich geschickt nach allen Seiten abgesichert.

Macht ist das stärkste Aphrodisiakum, erklärte Kissinger später auf der Höhe seines Ruhms – nicht gerade die Worte eines Idealisten. Fergusons Revisionismus ist allzu durchsichtig und irreführend. Zudem erschwert er den Zugang in die Brillanz und Widersprüchlichkeit Kissingers. So anschaulich und elegant die äußeren Stationen von Kissingers Prolog zum Weltruhm auch beschrieben werden: Hier hat Henry Kissinger noch nicht seinen definitiven Biografen gefunden. Weniger Apologetik, mehr Kritik und Prägnanz hätten der Biografie wohlgetan, mehr Klasse statt Masse und mehr Gefühl für die Ambivalenz dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit.


– Niall Ferguson: Kissinger. Der Idealist 1923–1968. Propyläen-Verlag, Berlin 2016. 1120 Seiten, 49 Euro.

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