Pierre-Frédéric Weber über die Angst vor den Deutschen : Teutonischer Furor

Pierre-Frédéric Weber erklärt die Angst vor Deutschland als europäische Emotion. Eine Rezension

Hannes Schwenger
In Deutschland geht die Sonne auf
In Deutschland geht die Sonne aufFoto: dpa

Es ist noch nicht lange her seit der Bemerkung des damaligen polnischen Außenministers Radoslaw Sikorski, er fürchte deutsche Macht weniger als deutsche Untätigkeit. Tiefer als diese in Europa ziemlich neue Befürchtung sitzt wohl noch immer ein Gefühl, das der französische Historiker, Germanist und Slawist mit Gastprofessur im polnischen Stettin Pierre-Frédéric Weber „Timor Teutonorum“ nennt. Es ist die Angst vor dem „Furor Teutonicus“, dem Wüten der Teutonen, die den römischen Dichter Lukan im ersten Jahrhundert nach Christus befiel. Seitdem trat sie periodisch in immer neuer Gestalt auf, sei es als Angst vor dem preußischen Militär, vor dem Deutschen Reich Bismarcks oder vor Hitlers „Drittem Reich“. Oder heute, im vereinten Deutschland, in Gestalt Angela Merkels in Nazi-Uniform in griechischen Karikaturen oder als Sorge einiger Europäer vor der deutschen Flüchtlingspolitik. Sind wir Deutschen tatsächlich noch immer der Schrecken der Welt?

„Metus Moscoviensis“ und „Angustia Americana“

Wenn ja, dann wenigstens nicht allein. Weber kennt und nennt im historischen Vergleich auch verwandte Ängste vor anderen Völkern: „Metus Moscoviensis“, die Angst vor Moskau, den „Pavor Parisiensis“, den napoleonischen Schrecken, und die „Angustia Americana“, die Beklemmung vor der Macht Amerikas. Ängste vor übermächtigen Nachbarn gehören für ihn zum „Instrumentarium der Politik“, die als kollektive Emotionen für innen- und außenpolitische Zwecke geschürt und gelenkt werden können. Den Anstoß zu seiner Studie über den „Timor Teutonorum“ als einer europäischen Emotion im Wandel empfing Weber 2009 auf einer Tagung der Bonner Universität über „Angst als Perzeptionsfaktor und Handlungsantrieb in den internationalen Beziehungen“. Das geschlagene, geteilte und neu vereinte Deutschland seit 1945 war dafür zu diesem Zeitpunkt das beste, wenn auch nicht das einzige Beispiel; es könnte schon bald wieder von Putins Russland abgelöst werden.

Frankreich und Polen liefern Webers sprechendste Beispiele für den instrumentellen Wandel des Deutschlandbildes, wenn etwa Frankreich aus Furcht vor einem Wiedererstarken Deutschlands die Saar als Faustpfand besetzt hielt und bis zum Nato-Beitritt seine Wiederbewaffnung zu verhindern suchte. Erst General de Gaulle entkrampfte mit Konrad Adenauer das deutsch-französische Verhältnis nachhaltig. Immerhin erklärte er dem sowjetischen Botschafter 1959, die deutsche Wiedervereinigung sei zwar nicht dringend, aber „wir sollten das deutsche Volk auch nicht in Verzweiflung bringen“. Dem polnischen Botschafter versicherte er 1967, Frankreich habe keine Angst mehr vor den Deutschen. Allerdings: „Das bedeutet nicht, dass sie nie wieder gefährlich werden könnten.“

Angst vor „Satellisierung“

Die noch immer latente Angst vor einem wiedervereinigten Deutschland teilte Frankreich mit Polen und dem gesamten Ostblock, wo nicht nur das offizielle Schreckgespenst des Bonner Revanchismus geisterte, sondern auch ein heimliches Unbehagen am preußischen Stechschritt der Nationalen Volksarmee der DDR, die deshalb 1968 in Prag nicht mit einmarschieren durfte. Es war erst Willy Brandts neue Ostpolitik und der Kniefall von Warschau, der Polens Angst vor Deutschland soweit den Boden entzog, dass man sich im Warschauer ZK zu fragen begann: „Womit sollen wir nun die Nation integrieren? Das wird ein ernstes Problem.“ Das war es tatsächlich, denn nun – und erst recht mit der endgültigen Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze im Zwei-plus-vier-Vertrag – wurde es wieder möglich, nicht nur Hitlers, sondern auch Stalins Anteil an der Teilung Polens und seine „Satellisierung“ (Weber) zur Sprache zu bringen.

Weber entfaltet das Thema Angst als „eine der europäischen Grundemotionen“ historisch und soziologisch als ein Bündel von einander überlagernden Ängsten wie der expansionistischen „Platzangst“ vor Einkreisung oder Einschränkung durch mächtige Nachbarn oder der daraus erwachsenden „Berührungsangst“, die nach „Pufferzonen“ verlangt und bei den davon betroffenen Völkern wiederum Angst vor „Satellisierung“ auslöst. Ein tröstlicher Seitenblick fällt dabei auf den Sonderfall Österreichs nach 1945, das sich als vermeintlich erstes Opfer Hitlers vom „Timor Teutonorum“ distanzieren und sich den Befürchtungen einer russischen Satellisierung durch seine Neutralisierung entziehen konnte. Felix Austria!


– Pierre-Frédéric Weber: Timor Teutonorum. Angst vor Deutschland seit 1945 – eine europäische Emotion im Wandel. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2015. 286 Seiten, 39,90 Euro.

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