Reaktion der CDU auf Erfolg im Saarland : Viel Zurückhaltung und ein wenig Schadenfreude

Die Christdemokraten reagieren besonnen auf ihren Erfolg im Saarland. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz muss allerdings einigen Spott ertragen.

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Foto mit Nachfolgerin? CDU-Chefin Angela Merkel will sich wie Annegret Kramp-Karrenbauer nicht auf eine Personaldiskussion einlassen. Foto: AFP
Foto mit Nachfolgerin? CDU-Chefin Angela Merkel will sich wie Annegret Kramp-Karrenbauer nicht auf eine Personaldiskussion...Foto: AFP

In der schönen Kunst der Freude zeigt sich Angela Merkel seit jeher innovativ. Der Kommentar der CDU-Chefin zur Saarland-Wahl rangiert aber selbst auf ihrer Lakonie-Skala ziemlich weit oben. „An einem Tag wie gestern muss man wenig traurig sein“, sagt Merkel. „Der Sonntag war erst mal so okay.“ Ein Stehpult weiter im Konrad-Adenauer-Haus lächelt Annegret Kramp-Karrenbauer. Die Ministerpräsidentin von der Saar hat einen furiosen Wahlsieg eingefahren. Sie hat Merkel zum Auftakt des Superwahljahrs vor einer Niederlage bewahrt, die alle als Vorzeichen für das Ende einer Kanzlerschaft gedeutet hätten. Sie hat obendrein den Triumphmarsch des Martin Schulz abrupt gestoppt. „Erst mal so okay“ halt.

Die Zurückhaltung hat aber natürlich ihren Grund. „Nach dem Wahlkampf ist vor dem Wahlkampf“, sagt die CDU-Chefin. In sechs Wochen wird sie wieder hier stehen nach der Abstimmung in Schleswig-Holstein, eine Woche darauf nach der NRW-Wahl. Bei der einen käme ein CDU-Sieg einem kleinen Wunder gleich und bei der zweiten einem großen. Je lauter der Triumph heute, desto kleinlauter die Kommentare dann – also lieber sich jetzt etwas leiser freuen.

Tatsächlich ist allen in der CDU-Spitze klar, dass Kramp-Karrenbauers 40-Prozent-Durchmarsch viel mit lokalen Besonderheiten zu tun hat. Eine weit über Parteigrenzen hinweg beliebte Landeschefin, die im Doppel mit ihrem Innenminister Klaus Bouillon das ganze Spektrum von ökonomischer Vernunft über soziale Kompetenz bis zu klarer Kante in Sicherheitsfragen abdeckte, dazu eine zersplitterte Parteienlandschaft – das sei schon eine „ganz besondere“ Situation, sagt auch Merkel.

Was nicht heißt, dass sich daraus nichts lernen ließe. Kramp-Karrenbauer sieht einen Grund für das Ergebnis, das sie in der Höhe auch überrascht hat, im Liebäugeln der SPD mit Rot-Rot. Seit Schulz seiner Landespartei öffentlich grünes Licht für ein Bündnis mit Oskar Lafontaines Linkspartei gegeben hat, habe man einen Stimmungswandel spüren können. Drinnen im Präsidium hat sie berichtet, dass gerade in den letzten Tagen etliche bekennende SPD-Wähler ihr die Stimme versprochen hätten – Hauptsache, Oskar komme nicht wieder an die Macht. „Wenn das der Schulz-Effekt ist, dann können wir damit sehr gut leben“, spottet die Wahlsiegerin.

Dieser Schulz-Effekt hat es der CDU sowieso angetan. „Erst hieß es, Herr Schulz könne über Wasser gehen“, ätzt Präsidiumsmitglied Jens Spahn, „dann fiel er in die Saar.“ Volker Bouffier spricht von der „Entzauberung“ des SPD- Kanzlerkandidaten: „Das ist die Menschwerdung des Herrn Schulz.“ In dem Spott steckt viel Aufatmen. Bouffier wäre der letzte CDU-Regierungschef im Westen gewesen, wäre der „Schulz-Zug“ unaufhaltsam vorangebraust wie im Internet-Spiel der Fans des SPD-Hoffnungsträgers. Die Zwangsbremsung in Saarbrücken hatten sie nicht einprogrammiert.

An der Saar sind fast 50.000 Menschen mehr zur Wahl gegangen

Auch der „Schulz-Effekt“ zeigt unbedachte Nebenwirkungen. Die Jubelstürme um ihren Kanzlerkandidaten haben nicht nur die Sozialdemokraten mobilgemacht, sondern erst recht die Konkurrenz. Man kann das in Zahlen fassen. An der Saar sind fast 50 000 Menschen mehr zur Wahl gegangen als vor fünf Jahren, dazu kam die Konkursmasse der Piraten mit noch einmal gut 30 000 Stimmen, macht zusammen 80 000. Die SPD hat um rund 10 000 Stimmen zugelegt – die CDU um das Fünffache.

Kein Wunder, dass Merkel das „ermutigend“ findet. Der Sieg an der Saar verschafft ihr auch an anderen, inneren Fronten etwas Ruhe. Horst Seehofer verbreitet auf einmal die Erkenntnis, „dass es die richtige Strategie ist, sich klar zur Kanzlerin zu bekennen“. Über die Neugründung eines „Freiheitlich-konservativen Aufbruchs“ am Samstag fällt im CDU-Präsidium kein Wort. Merkel sagt auf Nachfragen dazu nur, dass sie nichts davon halte, die konservative Wurzel der CDU gegen die christlich-soziale und die liberale auszuspielen.

Ganz still geworden sind auch die Kritiker, die ihr vorher wegen ihrer sparsamen Reaktion auf den Schulz-Hype nachgerade Verrat an der eigenen Partei vorgeworfen hatten. „Kein Mensch muss Angst haben, dass der Wahlkampf zu kurz ausfällt“, sagt Merkel. Aber erst mal müsse man das Land noch weiter ordentlich regieren. Ein Amtsbonus, will das sagen, kommt von guter Amtsführung.

Ein bisschen fängt sie mit dem Wahlkampf aber trotzdem an. Es sei schon besser, wenn man sich zu den Erfolgen der eigenen Arbeit bekenne, stichelt Merkel in Richtung des Konkurrenten, und noch viel besser, wenn man sich mit der Zukunft befasse und nicht mit der Vergangenheit. Da ist ihr sogar Gerhard Schröder als Kronzeuge recht: Ihr Vorgänger habe zwar auch viel von Gerechtigkeit geredet, „aber da gab’s auch die Innovation“. Nur der werde das Vertrauen der Menschen gewinnen, dem sie zutrauten, dass er ihre Arbeitsplätze auch in einer sich rasch wandelnden Welt sichern könne.

Bliebe also noch eine Frage zu klären: Ist Annegret Kramp-Karrenbauer jetzt in die Riege derer aufgerückt, die für Merkels Nachfolge bereitstehen? Die Frau aus dem Saarland verdreht leicht die Augen und versichert, dass sie Ministerpräsidentin bleiben wolle. Merkel sieht sich unzuständig: „Für die Zukunft hab’ ich gelernt, dass man sich möglichst wenig mit seinen Nachfolgern beschäftigen sollte. Das erledigt dann schon die Partei.“

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