Rückzug vom SPD-Vorsitz : Zu Gabriels Abschied Respekt und Tränen

Am Ende von Sigmar Gabriels Zeit als SPD-Parteichef bekommt er Lob, Respekt und Anerkennung - auch von allen, die ihn lange und heftig kritisiert haben.

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Sigmar Gabriel nimmt als Parteichef der SPD Abschied.
Sigmar Gabriel nimmt als Parteichef der SPD Abschied.Foto: John MacDougall/AFP

Er hat seine letzte Rede als Parteichef noch gar nicht begonnen, da muss er schon mit den Tränen kämpfen. Sonntag zur Mittagszeit in der Treptower „Arena“, für Sigmar Gabriel heißt es Abschied nehmen. Nach fast siebeneinhalb Jahren an der Spitze der deutschen Sozialdemokratie macht er Platz für Martin Schulz als neuen SPD-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten -  eine Entscheidung, die der Partei in den vergangenen Wochen ungeahnte Höhenflüge in den Umfragen beschert und die Genossen in eine rauschhafte Siegeszuversicht versetzt hat.

Dafür feiern sie Gabriel heute auf diesem Sonderparteitag, und es ist ausgerechnet SPD-Vize Hannelore Kraft, die den Anfang macht. Die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen wollte eigentlich keinen Wechsel an der Spitze, sondern Ruhe vor der NRW-Wahl im Mai. Jetzt kann sie Gabriels Verzicht gar nicht genug loben: „Deine Entscheidung zeigt, wie sehr dir unsere Partei und unser Land am Herzen liegt“ ruft Kraft ihm zu. Gabriel könne stolz auf sich sein. Werde Schulz im September Bundeskanzler, dann wüssten alle: „Das ist dein Sieg.“

 Gabriel sitzt hinter der Lobrednerin auf dem Podium und versucht, seiner Rührung Herr zu werden. Tränen stehen ihm in den Augen, als Kraft seine Verdienste als Parteichef preist. Dass die SPD in den Koalitionsverhandlungen mit der Union nach der Niederlage 2013 so viel herausgeholt habe – „das ging nur, weil du uns geführt hast.“ Dass Kraft damals gegen die große Koalition war, spielt in diesem Moment keine Rolle.

Überhaupt sind sie in der Stunde des Abschieds ziemlich nett zueinander, Gabriel und seine SPD.  Als Kanzlerkandidaten wollten ihn viele nicht haben, und wenn doch, dann nicht aus innerer Überzeugung, sondern aus taktischen Erwägungen. Als Parteichef war er an der Basis umstritten, beim letzten regulären Parteitag im Dezember 2015 wurde er mit einem 75-Prozentergebnis regelrecht abgestraft. Und zwar von eben jenen Delegierten, die ihm nun mit stehendem Applaus ihren Respekt erweisen.

52 Minuten nimmt sich Gabriel für Bilanz und Dank

Gabriel wusste schon damals, dass er es fortan schwer haben würde. Spätestens im Sommer 2016 begann er, seinen Rückzug zu planen. Dass er, anders als viele Vorsitzende vor ihm, nicht aus dem Amt gejagt wurde, dass er selbst über seine Zukunft entschieden hat, macht ihm den Abschied in der Treptower „Arena“ jetzt leichter.

Was aber nicht heißt, dass er sich in seiner letzten Rede kurz fassen will.

 Im nachtblauen Anzug tritt Gabriel ans Pult und holt weit aus. In seiner Ansprache zieht er unter anderem eine Bilanz seiner Arbeit als Vorsitzender zu Oppositions- und Regierungszeiten. Stolz sei er zum Beispiel darauf, das Verhältnis zu den Gewerkschaften wieder ins Lot gebracht oder milliardenschwere Entlastungsprogramme zu Gunsten der Kommunen durchgesetzt zu haben.

Gabriel streift auch noch die Wirtschafts- und  Europapolitik, preist die Vorzüge von Martin Schulz und dankt schließlich den Mitarbeitern im Willy-Brandt-Haus. 52 Minuten dauert das alles, bevor die  Delegierten mit minutenlangem stehendem Applaus Adieu sagen. Es ist ein Applaus, in dem Dankbarkeit, aber auch Erleichterung mitschwingt.

Dann beendet Martin Schulz die Ära Gabriel mit einem Geschenk. Er überreicht seinem „engen Freund“ ein August-Bebel-Porträt. Und sagt einen Satz, der Sigmar Gabriel den Kampf gegen die Tränen doch für einen Moment verlieren lässt: „Du warst einer der ganz großen Vorsitzenden der SPD.“

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