SPD : Beck borgt sich Beifall

Die SPD Nordrhein-Westfalen empfängt ihren Parteichef verhalten – und mit wohlkalkuliertem Drehbuch. Die "sogenannte Linke" erwähnte Kurt Beck nur am Rande.

Jürgen Zurheide[Düsseldorf]

Die Drehbuchautoren wollten nichts dem Zufall überlassen. Kurt Beck, so hatten sie es sich vorher fein ausgedacht, sollte den Saal des nordrhein-westfälischen SPD-Landesparteitages am Samstag in Düsseldorf exakt dann betreten, wenn Hannelore Kraft den Beifall für ihre Rede genießt. Der eine oder andere legte Wert auf diese Zeitfolge, denn ansonsten hätte das Risiko bestanden, dass man den Beifall des Bundesparteichefs gegen den Applaus für andere Gäste aufrechnen könnte. Und niemand würde am Ende mehr genau zumessen können, wem die Sozialdemokraten in diesem Moment mehr huldigten – der Landesvorsitzenden oder dem angeschlagenen Bundeschef.

Wer dennoch eine Antwort auf diese Frage suchte, konnte sich seine Gedanken über das Mienenspiel von Franz Müntefering machen. Der hatte in der ersten Reihe unten im Publikum Platz genommen. Am Ende der Rede von Hannelore Kraft steht er als einer der ersten auf und gibt mit seiner Handbewegung den Takt für den kräftigen Applaus vor. Als Kurt Beck die Treppe herabschwebt, verlangsamt Müntefering allerdings seine Motorik, bevor er sich wieder hinsetzt.

Beck eilt wenig später an das Rednerpult, schafft es aber nicht, die gute Stimmung zu halten, die ihm Hannelore Kraft hinterlassen hat. Mehr als einmal beginnt er Sätze und findet das Ende nicht, an anderen Stellen bleibt er weitschweifig. „Das alles wird unser Weg bleiben müssen“, schließt er die Passage über die Rente mit 67, das Protokoll vermerkt nur vereinzelten Beifall. Erst gegen Ende seines Vortrags schlägt er die Brücke zum Publikum, seine Hinweise auf die Ablehnung des Irakkrieges durch Gerhard Schröder finden Zuspruch bei den Delegierten. Die Worte „Kanzlerkandidatur“ oder „Spitzenkandidat“ kommen nicht über seine Lippen. Die „sogenannte Linke“ erwähnt er nur am Rande. Die Irritationen der zurückliegenden Monate erwähnt er mit keinem Wort, vor dem Parteitag hatte er verkündet: „Die Diskussion ist beendet.“ So ganz hält er sich dann aber selbst nicht daran, er wirbt dafür, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen: „Wir müssen überlegen, wie man gestandene Betriebsräte wieder zurückholen kann.“

Hannelore Kraft hatte in solchen Passagen mehr Zustimmung erhalten. Etwa als sie vorrechnete, wie wenig konsistent die Politik der Linken sei. Die Rente mit 67 wieder abzuschaffen etwa bedeute „für den Durchschnittsarbeiter eine zusätzliche Belastung von 1250 Euro wegen des höheren Rentenbeitrages pro Jahr“. Und sie schwört die Partei auf einen Dreiklang gegenüber der neuen Konkurrenz ein: „Wir wollen stärkste Partei werden, die Linke aus dem Landtag raushalten; suchen die Auseinandersetzung, nicht die Zusammenarbeit.“ Damit bleibt sie ihrer Linie treu, sich abzugrenzen, aber kein hartes Nein zu formulieren. Politisch bemüht sie sich eher um die Mitte und die Leistungsträger der Gesellschaft. Der Mittelschicht müsse „wieder mehr im Portemonnaie bleiben“. Im Gegenzug will sie dafür sorgen, dass sich Spitzenverdiener nicht mehr arm rechnen können. Am Ende wird Kraft mit 96,6 Prozent der Stimmen als Landeschefin wiedergewählt.

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