SPD-Kandidat Schulz beim Magazin "Brigitte" : Bekennertyp, mächtig emotional

SPD-Chef und Kanzlerkandidat Martin Schulz plaudert beim Frauen-Magazin "Brigitte" freimütig über seine Schwächen und Lieben - und über ein Vorbild: Karl V.

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SPD-Chef Martin Schulz bei "Brigitte Live" im Gorki-Theater
SPD-Chef Martin Schulz bei "Brigitte Live" im Gorki-TheaterFoto: Maurizio Gambarini/dpa

Sprechen Politiker nicht immer in Symbolen, gibt es nicht in jeder Erzählung ein Geheimnis zu entdecken? Martin Schulz, SPD-Kanzlerkandidat und Parteichef, wird am Montagabend im Maxim Gorki Theater plötzlich emotional und entführt seine beiden Fragestellerinnen von der Zeitschrift „Brigitte“ in die Historie – zu Karl V., über den er, „nach meiner Kanzlerschaft“, ein Buch schreiben wolle. Seinerzeit war der der mächtigste Mann der Welt, wie Schulz erzählt, habe diese Macht aber gleichzeitig als Last empfunden. Und ging ins Kloster. „Hat das etwas mit ihnen zu tun?“, will die „Brigitte“-Redakteurin wissen. Schulz: „Der ist Europa, nur 500 Jahre vorher, eine sympathische Figur.“

Um Sympathie, mehr Allegorie ist hier nicht möglich, geht's schließlich, wenn man gewählt werden will. Und so ist ein Format wie „Brigitte live“, zu dem in zwei Wochen auch Kanzlerin Merkel geladen ist, eine gute Gelegenheit, einen, der selbst Kanzler werden will, genauer anzuschauen. Vor drei Monaten hätte die „Brigitte“ vermutlich vor dem Gorki noch ein Public Viewing organisieren können, jetzt blieben drinnen erstaunlich viele Sitze leer. Dabei war es ein Abend, der Schulz zwang, spontan statt strategisch zu antworten. Was er von Merkel lernen könne? „Nerven behalten.“ Das war lustig, zumal Schulz hinzufügt: „Sie ruht sehr in sich, ich dagegen nicht.“

Er sei eher der „Bekennertyp“, bekennt sich aber zu keiner linken Regierung. Er will zwar eine Mitte-Links-Regierung machen, aber ohne die Linke. Die nennt er nicht beim Namen – lehnt aber „die“ ab, die „kategorische Kompromisslosigkeit“ zur Politik machen wollen. Als am Ende ein Zuschauer nach langer Vorrede wissen will, was denn sein Angebot an die Linke sei, hat er – keine Antwort.

Ein bisschen angeben, ein bisschen zugeben, ein bisschen Angriff

Politisch ist an diesem Abend nicht viel Neues zu erfahren. Klar, Schulz kennt Macron, mit dem telefoniere er öfter, aber das, was der französische Präsident fordere, habe er selbst schon vor dem europäischen Rat gefordert. Schulz bleibt seiner Methode auch hier treu: Ein bisschen angeben mit der eigenen Erfahrung, sich auf Augenhöhe mit der Kanzlerin stellen, Trump („ein Flegel“) kritisieren und Kämpfertum („Ich bin ein Streetfighter“) zeigen angesichts der Umfragen.

Zwischendrin schafft er es immer wieder, Anekdoten zu erzählen. Das kann erheiternd sein: die Tochter, die den „Papa für einen strammen Rechten in der SPD“ hält; der Sohn, der seinen „Vater ein bisschen für gaga hält, weil er Politik macht“; der Respekt vor seiner Ehefrau, die ihm ganz am Anfang, als er Bürgermeister wurde, gesagt hat: Kannst du machen, ich halte dir den Rücken frei, aber ich werde mein Leben nicht aufgeben.

Und Genuss? Rinderroulade nach Schwiegermutter-Rezept – und den Garten seiner Frau, Landschaftsarchitektin, genießen; in die Bretagne fahren; süßer Kaffee mit bitterer Schokolade. Ernster wird der Exkurs in die Alkoholabhängigkeit, die er überstand; die Psychotherapie, die kam, wo er entschied: Denen, die mich abstürzen sahen, wollte ich zeigen, dass ich es doch kann. So viel Symbolik lässt er zu.

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