Tunesien am Scheideweg : Wertlose Freiheit nach dem arabischen Frühling

Sie sind ein stolzes Volk, und sie könnten reich sein in Gafsa. Denn im Süden Tunesiens liegen die wichtigsten Minen des Landes. Die Revolution fegte das Regime hinweg – und hinterließ eine Stadt im Chaos.

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Fahrt ins Ungewisse. Die Kreisstadt Gafsa ist umgeben von Phosphatminen, gilt als Zentrum der Arbeiterbewegung. Doch nach neun Uhr abends traut sich hier niemand mehr aus dem Haus. Foto: Katharina Eglau
Fahrt ins Ungewisse. Die Kreisstadt Gafsa ist umgeben von Phosphatminen, gilt als Zentrum der Arbeiterbewegung. Doch nach neun Uhr...Foto: Katharina Eglau, Winterfeldtstr.

Der Wind fegt durch die rostigen Stahlskelette. Zwei Arbeiter waten durch den mehlfeinen Staub, behalten dabei ständig die ratternden Ketten und Schüttelbänder im Auge. Gigantische Stahlzylinder drehen sich an den Gerüsten, in denen das Phosphat für den Export gewaschen wird. Wer sich hier länger aufhält, dem schmerzen hinterher tagelang die Lungen. Entlang der Straßen lagern die grünlich-grauen Halden des wertvollen Minerals, aus dem sich Waschpulver, Farbe, Futtermittel und Dünger produzieren lassen. 6000 Quadratkilometer groß ist Tunesiens Phosphatbecken nahe der Grenze zu Algerien. Hier liegen die wichtigsten Bodenschätze des Landes, doch von Reichtum keine Spur.

Die Menschen in Gafsa mögen arm sein, viele krank, doch sie gelten als ein stolzes Volk. „Wir sind die eigentliche Wiege der tunesischen Revolution“, sagen die Bewohner. Im Januar 2008, drei Jahre vor dem Arabischen Frühling, begann hier in Gafsa der Aufstand gegen das allmächtige Regime in Tunis, lange bevor sich der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi in Sidi Bouzid anzündete. Abgeschottet von der Weltöffentlichkeit gingen Tausende von Minenarbeitern gegen Ben Ali auf die Barrikaden – bis dahin die größte Protestbewegung in der tunesischen Geschichte. Doch genauso wie dem 120 Kilometer entfernten Sidi Bouzid hat auch Gafsa und den umliegenden Minenorten ihr Mut zur Revolte bis heute nichts gebracht.

„Wir ersticken, wir brauchen neuen Sauerstoff“, sagt Rihda Labidi. Er hat es sich im Schatten bequem gemacht, mitten in seiner privaten Oase. Sein andalusischer Garten, wie er ihn nennt, hat etwas Unwirkliches. Genauso wie der unerschütterliche Optimismus des 58-Jährigen. Einst war hier eine Müllkippe, die der Unternehmer vor 15 Jahren der Kommune für wenig Geld abkaufte. Mit einer Mauer schloss er den sonst allgegenwärtigen Staub aus und pflanzte 600 Bäume. Breite Flanierwege ziehen sich durch den Palmengarten, vorbei an üppigen Wedeln und exotischen Blumen. Mitten im Park liegt eine Freilichtbühne, daneben ein Puppentheater für Kinder, ein Saalbau mit weißen Dachzinnen für Kino und Konzerte. Der schmale Wohntrakt mit Restaurant für durchreisende Künstler ist noch im Rohbau, der Parkplatz draußen bietet Platz für 1000 Autos.

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